Mittwoch, 4. Mai 2011

19. Der Gitarrist

 
Goldkatze stieß Holzkatze ein zweites Mal. Holzkatze flog in den Wagon und Goldkatze sprang  hinter ihr her.   

Die Tür des Wagons klappte zu. Es gab einen Ruck. Der Zug fuhr an.

Aber das bemerkten die Kätzinnen nicht. Sie bildeten ein fauchendes Knäuel, das auf dem staubigen Boden des Wagons hin und her rollte. Holzkatze biß Goldkatze erst ins rechte Ohr, dann ins linke Ohr. Sie ließ hatte genug von Goldkatze. Seitdem Goldkatze in ihrem Leben aufgetaucht war, ging alles schief.

 Sie riß an den Goldkreolen. Goldkratze schrie laut auf und erwischte  Holzkatze mit ihren Tatzen, deren Krallen lang und scharf ausgefahren waren.

Auf dem Boden zeichnete sich eine ölige Spur ab, die zu zwei Fischdosen führte, die bei dem Kampf ans hintere Ende des Wagons unter eine Bank getrudelt waren.  

„Ei, ei, zwei Kampfkatzen! “,  ertönte eine tiefe Stimme aus dem Inneren des Waggons, der ziemlich dunkel war, da alle Vorhänge der Fenster zugezogen waren.

Die Katzen fuhren zusammen und hielten in ihrem Kampf inne. Sie erblickten einen wild aussehenden Mann mit langen Haaren, einem dicken, ungepflegten, krausen Bart. Ein riesiger Hut bedeckte seinen Kopf, der auf seinen auffällig großen Ohren  Halt bekam.

„Wo wollt ihr hin?“ blökte  der wilde Mann den Katzen zu, während er seinen Riesenhut in den Nacken schob.

„Ha, ich denk, ihr seid so schlau wie ich. Ich fahr immer umsonst. Ich brauch keine Fahrkarte.“

Holzkatze verstand nicht,  was der fremde Mann meinte. Holzkatze hatte eigentlich nur einen ungestörten Futterplatz für ihre Fischdose gesucht. Dass Goldkatze sie in diesen  Wagon schubsen würde, konnte sie nicht ahnen. Aber wenn es darauf ankam, ließ Holzkatze sich nichts gefallen und sie verpasste Goldkatze den ersten Schlag.

Die Katzen merkten  erst jetzt, dass der Zug fuhr, die Wagontür geschlossen war und  ein Ausstieg aus dem Zug so  unmöglich wurde. Aber Goldkatze schien dies nicht zu stören. Sie grinste den fremden Mann mit dem Riesenhut frech an. Dieser gab mit  seiner rechten Hand den Katzen zu verstehen, näher zu kommen.

 Irgendwie ahnte   Holzkatze, dass sie durch Goldkatzes  Übermut  in eine missliche Lage gekommen war.

„Ihr seid wohl schwer von Begriff“ murmelte der fremde Geselle in seinen Bart.

Holzkatze verhielt sich weiter still, Goldkatze grinste unentwegt den Kerl an. 

Der Mann tat jetzt  gleichgültig. Er winkte  ab.

Unter der Bank stand ein großer grüner Rücksack, der an vielen Stellen geflickt war.  Er ihn  unter der Bank hervor,   kramte darin herum und entnahm dem Sack einen Kanten Brot sowie  eine dunkle Flasche.

 „Saft!“, lachte der Fremde und hielt die Flasche  spaßeshalber in die Richtung der Katzen. Dann öffnete  er den Verschluss  und genehmigte sich einen guten Schluck von der bräunlichen Flüssigkeit. „Aah!“ sagte er zufrieden in sich hinein.

Nun nahm er einen blanken Käsedolch, der neben ihm auf der Bank gelegen hatte,  und schnitt sich damit von dem  Kanten Brot ein großes Stück ab, er trank noch einen Schluck aus der Flasche und bekam dabei einen Schluckauf.

Holzkatze schnupperte. Sie  kannte den Geruch, der ihr jetzt in ihre Nase kroch vom alten Bader. Es war Rum!  Der fremde Kerl trank Rum!

Während der Fremde ausdauernd kaute und immer wieder einen Schluck nahm,  warf er   aus kleinen, flinken Augen, die fast versteckt unter dicken, wuscheligen Augenbrauen lagen, einen Blick auf die Katzen. 

Holzkatze hatte sich  nun bis ans andere Ende des Waggons verkrochen, während Goldkatze immer noch vor dem Fremden hockte und ihn angrinste.

  Er streckte seine dicke Hand lockend aus. „Nun kommt doch mal her. Ich tu euch nichts, bin euer Freund.“, hickste er.

Holzkatze rührte sich nicht. Goldkatze war mit einem Satz bei Holzkatze und kroch ebenfalls unter die Bank. Ihr war ihre Fischmahlzeit eingefallen und hatte keine Lust, dass Holzkatze, die sich wieder an ihre Fischdose gemacht hatte,  ihre Portion mitfraß.

 „Dann eben nicht“, knurrte der Fremde. Als er satt war und auch seinen Durst gestillt hatte, rülpste er laut und reckte sich.  Gähnend breitete er sich auf der Bank aus und schob seinen Riesenhut über sein bärtiges Gesicht.

Unaufhörlich ratterte der Zug. Der Fremde lag schnarchend auf der Bank. Die Katzen konnten endlich in Ruhe ihre Fischdosen ausleeren. Welch ein Leckerbissen! Sie waren so hungrig, dass sie auch die Tunke, die sich beim Hantieren auf den Boden ergoss,  aufleckten. Auch der Ölspur krochen sie hinterher und schleckten alles sauber. Dann rieben sie mit ihren Pfoten die Tomatentunke von ihren Mäulern und schleckten am Ende ihre Pfoten ausgiebig ab.

Der fremde Mann schlief immer noch. „Er sieht wild aus“, dachte Holzkatze. „Ob er  wohl gefährlich ist?“ flüsterte Holzkatze. Goldkatze zuckte mit den Schultern. "Nöö", meinte sie, "der sieht doch freundlich aus".

   Der Fremde wachte durch einen heftigen Hustenanfall auf, er schob den Riesenhut aus seinem Gesicht und richtete sich, immer noch laut kröchelnd, auf.  Er sah sich um. Dann  ergriff er die Gitarre, die neben ihm an der Bank lehnte, er  stimmte sie sorgfältig und begann die Saiten zu zupfen.  Dazu sang er mit rauer Stimme.

Von der Musik angelockt, kamen die Katzen näher und lauschten.   Das war dem bärtigen Fremden nicht entgangen. „Ha, das gefällt euch wohl, was?“

„Holzkatze macht auch Musik“, unterbrach Goldkatze den Fremden aufgeregt. Der Mann beäugte Goldkatze. „Ach was, das is´ ja ´nen Ding“. Er beugte sich ungläubig zu den Katzen; er meinte, er hätte sich verhört, denn bekanntlich  können Katzen weder sprechen, noch Musik machen. Zumindest keine richtige, denn Katzengejaule ist ja keine Musik.

 Er glaubte, etwas zu viel Rum getrunken zu haben und schob das soeben Gehörte seiner Trunkenheit  zu.  Er spielte  weiter auf seiner Gitarre und schaute dabei immer wieder auf diese Katzen. 

Doch  seine Gedanken kreisten  um das Gehörte,  was Goldkatze ihm  gerade gesagt hatte. Gesagt hatte? Der Fremde schüttelte seinen großen Kopf und seine übergroßen Ohren schlackerten dabei. Fast hätte er seinen Hut verloren.

 „Seit wann können Katzen reden?“, überlegte er.

 Aber dass er an Halluzinationen litt, auch wenn er betrunken war,  daran konnte er  wollte er nicht glauben. Schließlich hockten die zwei Katzen ja direkt vor ihm. Oder etwa nicht? War alles nur Einbildung? 

Aber wie er die beiden so betrachtete, verwarf er diesen Gedanken. Nein, nein, er spann nicht, die Katzen saßen direkt vor ihm. Und die ehemals goldfarbene der beiden Katzen hatte er gerade sprechen hören!

„Nein, das kann nicht sein. Hab wohl doch zu viel  Rum getrunken“, dachte er wieder bei sich und nahm sich vor, in Zukunft  mit dem Alkohol vorsichtiger zu sein.

Denn, was er nun sah und was er hörte, konnte einfach  nicht wahr  sein. Er traute seinen Ohren nicht, als er Holzkatze, die ihre  Flöte unter der Bank hervorgeholt hatte, spielen sah. So geschwind glitten die Pfoten Holzkatzes über die Löcher der Holzflöte und die Melodien waren so wunderbar und fein, wie der Fremde zuvor noch nie gehört hatte.

Als Holzkatze ihre Weise beendet hatte, klatschte Goldkatze   in die Pfoten. 

Der Fremde nahm sich vor, auf diesen Spuk nicht weiter zu achten und er tat  unberührt. So ein Geisterkram, dachte er erneut,  und er nahm sich vor Holzkatzes Kunst nicht weiter zu beachten. "Ich lasse mich nicht täuschen. Ich bin einfach zu besoffen", murmelte er zu sich selbst.
  
Die Katzen hockten noch immer vor ihm. Holzkatze begann erneut zu spielen. Der Fremde rieb sich ein paar Mal die Augen und stocherte mit seinen Fingen in seinen Ohren.  "Wenn das wirklich wahr ist, was ich jetzt sehe", dachte er, "dann  kommen die  mit mir“. 

„Die beiden kann ich gut gebrauchen“. 

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