Sonntag, 1. Mai 2011

18. Der Auszug (Holzkatze und Goldkatze)

 18.  Der Auszug   (Holzkatze und Goldkatze)






Als die Sonne übers Dach des „Gefährlichen Hai“ kroch,
öffnete sich die Eingangstür der ehemaligen Hafenkneipe.

Krumm gebeugt trat Bader heraus. In diesem Moment parkte der Wagen des Bauunternehmers vor dem Gebäude. Breit grinsend stieg Wittich aus, schlug Bader mit grober Hand auf dessen  Schulter.

„Kopf hoch, Bader. War doch sowieso Feuerholz. Ich hab ne Axt gleich mitgebracht. Mein Kamin freut sich.“

Holzkatze und Goldkatze hockten zusammengekauert auf dem Pappdach des gegenüberliegenden Schuppens. Sie spürten den Ernst der Lage. Die aufsteigende Morgensonn ließ zwar ihre warmen Strahlen auf die Katzen scheinen, doch ein Gefühl der Kälte ließ sich dadurch nicht vertreiben.

Goldkatze sah nicht mehr golden sondern schmutzig grau aus und auch Holzkatze besaß nicht mehr ihr holzfarben gemasertes Fell. Der Staub, der bei der nächtlichen Raserei aufgewirbelt war, hatte die Katzen unansehnlich werden lassen.

„Irgendwie tut mir Bader leid“, dachte Holzkatze.  Bader trat in Begleitung Wittichs, der gebieterisch Anweisungen gab, krummgebeugt aus dem Haus und hängte ein Schild über die Klinke: „Geschlossen!“.

 „Dummkatze“ fauchte Holzkatze Goldkatze an und sprang vom Pappdach und war auf und davon.

Goldkatze rührte sich nicht. Ihre Augen waren auf den "Gefährlichen Hai" geheftet. Was sie sah, konnte sie noch nicht richtig einordnen. Sie verstand das alles nicht. Wieso kam dieser fremde Mann so früh mit dem Auto vorgefahren.  Was war los?

Goldkatze warf einen vorsichtigen Blick zur Seite. Wo Holzkatze eben noch gesessen hatte, war der Platz leer. Goldkatze fühlte sich elendig und allein gelassen.

Während Goldkatze auf dem Pappdach sass, lief Holzkatze Richtung Hafen. Nach einer Weile erreichte sie die Eisenbahngeleise. In einiger Entfernung stand ein Güterzug.

„Der wartet dort bestimmt auf seine Abfahrt“, dachte Holzkatze. Menschen waren nicht zu sehen, obwohl im Hafen schon die Frühschicht begonnen hatte, denn von einem gegenüberliegenden Hafenbecken hörte sie das dumpfe Geräusch der Container, die auf ein Deck gestellt wurden. 

 Holzkatze fühlte, dass  ihr Magen leer war.  Jetzt hieß es erst einmal,  sich ein  Frühstück zu besorgen.

Holzkatze huschte auf die Laderampe einer riesigen Lagerhalle und schlüpfte durch das leicht geöffnete Hallentor. Hier war es angenehm kühl und es roch gut.

Fischgeruch kroch Holzkatze in die Nase. Sie hatte Glück, vor einer Palette lag eine Karton mit Fischdosen, davon waren einige geöffnet. Als sie sich eine Dose ergriff, bemerkte sie einen Schatten.  Oh nein, es war Goldkatze, die ihr einfach gefolgt war! Goldkatze griff sich ebenfalls  eine Dose , denn auch sie war hungrig.

Ein großer Schatten kam um die Ecke des Hallentores. Die Katzen flitzten zum Ausgang und entwischten gerade noch rechtzeitig einem Arbeiter.

Sie versteckten sich mit ihrem Fund hinter dem Lagerschuppen. Der Fisch war ohne Gräten und schmeckte köstlich, obwohl die Katzen nicht leugnen konnten, dass der Fisch bereits einen leichten Geruch aufwies.

 „Du“,  fragte Goldkatze, während sie sich das Maul schleckte.  „Holzkatze“ begann Goldkatze erneut. „Holzkatze, warum kannst du flöten?"  Holzkatze blickte verdattert auf.  Wieso fragt die mich jetzt so etwas?, überlegte sie. Nach dem Chaos der letzten Nacht und dem fluchtartigen Auszug aus ihrem neuen Heim, scheint Goldkatze immer noch nicht die Situation begriffen zu haben. Das sorgenfreie Leben, das sich Holzkatze mühsam erarbeitet hatte, war vorbei. Aus und vorbei!

Holzkatze war Goldkatze einen strafenden Blick zu. "Nerv mich nicht," raunte sie ihr zu, "du hast schon genug angerichtet!"  Doch Goldkatze ließ nicht locker. Und man mag sich fragen, ob sie das nächtliche Geschehen durch solche Art einfach ignorieren wollte oder war Goldkatze wirklich so naiv und hatte noch gar nichts geschnallt.

"Holzkatze, " begann sie von neuem, "nun sag doch schon, wieso kannst du fllöten?"  Holzkatze überlegte, wie sie Goldkatze abwimmeln könnte. "Gelernt" war ihre knappe Antwort. Aber nun begann Goldkatze zu löchern. 

  „Woher hast du eigentlich die Flöte?“ bohrte Goldkatze. „Vom Flötenbaum“ log Holzkatze, der Goldkatzes Fragerei lästig wurde und hoffte, damit Goldkatzes Fragerei zu stoppen.

Goldkatze ließ nicht locker. „Wo ist der Flötenbaum?“ wollte sie wissen. „Nicht hier“ anwortete Holzkatze ungeduldig. „Können wir da nicht hinlaufen?“ nervte Goldkatze weiter. „Zu weit“ entgegnete Holzkatze abweisend, um den Fragen endlich ein Ende zu machen.

„Ach, schwärmte Goldkatze, „du spielst wirlich wunderschön“. Goldkatze faltete ihre Katzenpfötchen, schaute schwärmerisch in den Morgenhimmel und schlug dann ihre Augen demonstrativ zu und verharrte in dieser andächtigen Stellung.

 „Meinst du?“ fragte Holzkatze so nebenher gesagt und dabei blickte gar nicht mehr so grimmig drein. Insgeheim fühlte sie sich sehr geschmeichelt, aber das zeigte sie nicht, sondern riet Goldkatze in einem heftigen, unmißverständlichem Ton, nun endlich zu verschwinden.

Goldkatze ließ sich davon nicht beirren. Während Holzkatze verzweifelt versuchte, Goldkatze abzuschütteln und darum  ihre Beute und ihre Flöte ergriff,  um schnell hinter dem Schuppen zu verschwinden, flitzte Goldkatze wie angeklebt hinter ihr her.

 „Los“, schrie Goldkatze plötzlich, ergriff Holzkatze von hinten und  schubste sie  vom Bahnsteig genau  auf das Trittbrett eines Schaustellerwaggons, dessen Tür geöffnet war.