Freitag, 29. April 2011

16. Holzkatze und Goldkatze

 









Holzkatze kannte ihren Weg zum „Gefährlichen Hai“ genau.

Sie zwängte sich zwischen alten, fast zerfallenen Schuppen durch und lief dann am Rand einer breiten Straße entlang.  Hier rollten auch nachts schwere Laster.


Dort, wo die Straße sich teilte, bog Holzkatze ab, lief über ein Eisenbahngelände, kletterte über rutschige Schienen,





überquerte dann einen Hof, auf dem rostige Tonnen abgestellt waren, schlüpfte durch das Loch eines Drahtzaunes, überquerte eine dunkle, enge Gasse und lief  bis zum einem Lattenzaun und hangelte sich daran hoch.

Mit einem kühnen Sprung landete sie auf einer schmiedeeisernen Bank.

Hier befand sie sich schon in Baders Innenhof. Schnell huschte sie über den gepflasterten Hof bis zur Außenmauer des alten Saales, stemmte sich gegen einen Kasten und schob ihn beiseite.

Im Sockel der Wand war zwecks Lüftung ein Loch mit einem Gitter eingelassen, das aber nicht mehr befestigt war, nun diente dieses Loch Holzkatze als Katzenklappe. Holzkatze schlüpfte hindurch.

Als Holzkatze gerade das Gitter wieder in das Loch drücken wollte, sagte ein Stimmchen „“Lass mich hinein!“ Holzkatze erschrak. Dass ihr jemand gefolgt war, hatte sie gar nicht bemerkt. Sie blickte durch die Öffnung und entdeckte zwei große Augen, die sie flehend anblickten. „Darf ich?“

Schon wieder Goldkatze! Oh, nein!

„Psst“, mahnte Holzkatze ärgerlich und ließ Goldkatze gewähren, die sich nach ihr  in den Saal zwängte.

„Ey,  du hast es ja cool hier!“ staunte Goldkatze nicht schlecht, dabei schlug sie  mit voller Wucht die Tasten eines Klavieres an. Wir haben auch so ein Ding bei uns zu Hause.

Jeden Tag spielte Janine daran.  „Sei doch leise!“, warnte Holzkatze. „Wieso?“ grinste Goldkatze und entdeckte den großen Spiegel, dabei stellte sie sich auf ihre Hinterbeine, warf ihren Kopf zurück und drehte genießerisch eine  Pirouette. Im nächsten Moment haute sie wieder auf die Tasten.

„Du kannst mir doch nicht einfach folgen und dann so einen Krach machen!“ schimpfte Holzkatze, „ich bin hier nicht alleine. Bader schläft unterm Dach. Wo kommst du eigentlich her, warum gehst du nicht dahin, wo du hergekommen bist. Was willst du hier?“

„Ich? Ich kann sogar tanzen!“ bemerkte Goldkatze ein wenig frech und übte vorm Spiegel ein paar weitere Schritte, aber dann merkte sie, dass sie mit ihrem Benehmen übertrieben hatte, denn Holzkatze starrte sie böse an. 

„Ich bin fortgelaufen“ gab Goldkatze jetzt zu.

In der Nacht zuvor lag sie noch in ihrem gepolsterten Katzenkörbchen in der Nähe eines warmen Heizkörpers im gemütlichen Wohnzimmer. Sie war einfach durch die Haustür geschlüpft, als ihre Herrin die Briefe des Postboten entgegennahm. Die Rufe der Frau klangen ihr jetzt noch in ihren Ohren.

Aber sie hatte gar nicht daran gedacht, umzukehren. Nicht einmal umgeblickt hatte sie sich.

Erst lief sie quer durchs Villenviertel, in dem sie wohnte, dann kam sie durch Straßen, wo viele Autos fuhren und viele Menschen auf den Fußwegen liefen. Die Häuser wurden immer größer und höher. Auch roch die Luft nicht mehr so gut wie bei ihr Zuhause. Sie war ja ein richtige kleine Stubenkatze. Aber nicht irgendeine!

Medaillen und Pokale hatte sie für ihre Schönheit gewonnen, alle Preise dekorierten den Kaminsims. Bei gutem Wetter führte man sie an einer Leine spazieren. Auch im großen Garten wurde sie an einer Leine gehalten. Ihre Besitzer hatten immer Angst, diese kostbare Katze könnte weglaufen oder gestohlen werden. Goldkatze hat das nie verstanden.

Holzkatze hörte gespannt zu. „Waren deine Leute zu dir nett?“ „Nett? Natürlich, nett waren sie, immer sehr nett! Ich bekam alles, was gut und teuer ist, nur das Feinste und Beste, bestes Futter, beste Pflege, sie badeten mich täglich, föhnten und kämmten mein Fell jeden Tag, schnitten mir die Krallen“.   

Die Standuhr im Saal schlug.

„Aber nun bin ich ja fortgelaufen“ stellte Goldkatze fest. Ein wenig schauderte sie bei diesem Gedanken, sie war von Zuhause weit fort und sie würde den Weg sicherlich nicht zurückfinden. Dessen war sie sich sicher. Daher hatte sie sich auch an die Fersen Holzkatzes geheftet, als diese in der Nacht davonlief.

Holzkatze bekam ein wenig Mitleid mit diesem ziemlich naiven, aber auch eitlen Geschöpf und sie bot ihr einen Schlafplatz im Gehäuse des Flügels an, was Goldkatze dankend annahm.

Holzkatze lief in den hinteren Teil des Saales, über eine seitliche Treppe hinauf, schlüpfte unter dem schweren Vorhang durch auf die Bühne. Sie sprang durch die alten Requisiten zum morschen Flügel, gefolgt von Goldkatze.

Holzkatze rekelte sich und schlief im Nu.

Goldkatze jedoch fand den Holzboden im Flügel überhaupt nicht bequem.