Seitdem Holzkatze im „Gefährlichen Hai“ als "blinder" Gast Unterkunft gefunden hatte, lief sie jeden Abend in den Hafen und kam oft erst im Morgengrauen zurück.
Sie liebte den brackigen Geruch des Hafenwassers, den fauligen Geruch von aufgeweichtem Getreide, das aus kleinen Sacklöchern beim Entladen auf die Kai gerieselt war, aber von den Ratten mit Missachtung liegengelassen wurde.
Die Ratten stopften sich ihre Bäuche lieber mit den Speiseresten der feinen Restaurants der Stadt voll, die sie aus den Abfalltonnen der Hinterhöfe kramten. Damit bildeten sie eine gewisse Konkurrenz zu den ärmsten der Armen in dieser Hafenstadt.
Die Ratten scheuten sich nicht, ihre Mitstreiter zu verjagen, in dem sie die Stadtstreicher umzingelten. Diese ergriffen dann jeweils die Flucht. Wer will sich schon mit Ratten anlegen, die an der zerlumpten Kleidung hinaufspringen und sich an ihr festbeißen.
Auf diese Weise genossen die Ratten in dieser Stadt Narrenfreiheit.
Zwar hatten sich die Stadtväter in ihren Sitzungen immer wieder damit beschäftigt, herauszufinden, wie sie der Rattenplage Herr werden könnten, doch hielten sich die verschiedenen politischen Lager mit Streitgesprächen auf.
Seit Jahr und Tag stand das Problem der Rattenplage immer wieder auf der Tagesordnung. Dieser Punkt wurde aber immer wieder vom Tisch gewischt , weil die Vertreter des neugegründeten Nagetiervereins jedesmal mit begründeten Einwendungen dagegen stimmten.
Seit Jahr und Tag stand das Problem der Rattenplage immer wieder auf der Tagesordnung. Dieser Punkt wurde aber immer wieder vom Tisch gewischt , weil die Vertreter des neugegründeten Nagetiervereins jedesmal mit begründeten Einwendungen dagegen stimmten.
Holzkatze klapperte jedes Hafenbecken ab, sie liebte den Dieselgeruch, das Geratter und das Geknatter der Schiffsmotoren, das Gegacker der aufgescheuchten Möwen, und das Gekreische der riesigen Laufkräne, die eiserne Container auf die Schiffe hoben.
Sie lief an unendlich vielen großen und kleinen Hafenschuppen vorbei, die teils neu und modern und teils verfallen waren und manchmal nur noch aus Skeletten von Tragebalken bestanden, und sie liebte die Haufen mit matschigen Kombüsenabfällen der Schiffe, die die Schiffsköche heimlich auf die Pier gekippt hatten. Denn das war ihr Futter.
Wenn ein Schiff im Hafen festgemacht hatte, setzte sie sich gerne vor die Gangway. Dann kam es vor, dass Matrosen, die nach vielen Tagen auf See ihr Schiff zum fröhlichen Landgang verließen, sich über die Katze freuten und außer guten Worten in vielen verschiedenen Sprachen, die sie ihr zuriefen, sie streichelten und manchmal vom Koch aus der Kombüse für sie ein Schälchen Milch besorgten.
Ja, den Hafen kannte sie inzwischen gut. Jeden Winkel, jede Mülltonne hatte sie genau untersucht. Und dann machte sie die Bekanntschaft mit den berüchtigten großen Hafenratten.
Seit der ersten ziemlich unangenehmen Begegnung, verhielt sich Holzkatze vorsichtiger, um nicht auf diese üblen Gestalten zu treffen. Die Ratten waren rotzfrech, und galten als gefährlich. Sie trieben sich in den Schuppen herum und schlitzten wahllos die Säcke auf, die darin lagerten, und sie klauten alles, was sie tragen konnten.
Als Holzkatze einmal von einem Fischer einen Hering zugeworfen bekam und sich gerade einen Platz suchen wollte, wo sie den Fisch in Ruhe verzehren konnte, tauchte Alfred, der Anführer der Ratten in Begleitung einiger Gesellen seiner Rattenbande auf.
Breit stellte er sich Holzkatze auf. Hoch, sehr hoch hielt er seine Nase und betrachtete Holzkatze verächtlich aus kleinen, funkelnden Augenschlitzen und schnaubte:
"Was treibst du dich bei uns herum? Willst uns wohl beklauen!" Er kaute mit seinen scharfen Zähnen auf seiner dicken, streng riechenden Zigarre herum und schob sie, verächtlich auf Holzkatze blickend, in seinem Mund herum.
"Ha, Du kleine Tigerin, wir beobachten dich schon seit Tagen hier im Hafengelände. Wir sind sicher, du spionierst uns nach. Willst Du uns unsere Geschäfte vermasseln? Wer hat Dich beauftragt, uns hinterher zu spionieren? Weißt Du was, Katze, hau ab! Hau einfach ab, sonst geht es Dir dreckig! Wir machen dir Beine, wenn du nicht gleich verschwindest!".
Holzkatze war gewiss nicht feige und sie hätte es auch mit jeder Ratte einzeln aufgenommen. Aber hier stand sie gleich fünf der gemeinsten Ratten des Hafenviertels gegenüber.
Alfred, der Rattenboss, nahm seine dicke Havanna aus dem Mund und blies einen Ring in die Luft, mit der anderen Pfote kommandierte er seinen Kumpanen, die um Holzkatze herumstanden. „Passt mal alle auf“ tönte Alfred laut, der sich nun demonstrativ dem Fisch widmete und stieß ihn mit dem Fuß auf die Seite.


