Freitag, 22. April 2011

9. Das Damenquartett - Besuch bei Bader

Ein anderes Erlebnis  empfand Holzkatze als sehr unangenehm. Es handelte sich um eine Dame, die Bader in Begleitung ihrer drei Töchter, aufsuchte.

 Eine zeitlang  zuvor erhielt Bader  von dieser  Dame täglich Anrufe.  Sie befragte Bader immer wieder über dieselben Dinge. Ja, sie wäre am Kauf eines älteren Klavieres sehr interessier, aber wie alt seien seine Klaviere, aus welchem Holz seien seine Klaviere, woher kämen seine Klaviere, hätte er auch Markenklaviere,  kurz, sie wollte  über seine Klaviere alles wissen.  Bader wurde durch die Anrufe dieser Dame  stundenlang am Telefon festgehalten, während eigentlich seine Arbeit im Saal auf ihn wartete.

  Da Bader stotterte, dauerten die Befragungen der fremden Frau extrem lange, weil sie nicht alle Aantworten zu verstehen schien, die er ihr gab, weil er jedes Wort, das er ihr sagen wollte, mindestens dreimal ansetzte.

So führten die Anrufe und der Umstand, dass Baders Arbeit auf ihn wartete, dazu , dass Bader zeitlich unter Druck gesetzt wurde, und er stotterte in seiner Aufregung mehr, als er es üblicherweise tat.

Auch die Tatsache, dass Bader, um diese lästige Anruferin abzuwimmeln,  dann und wann einfach wieder auflegte, nützte nichts.  Kaum war er  in den Saal zurück gelangt, da begann das Telefon erneut zu klingeln.

Und da Bader nicht wußte, ob es dieses Mal nicht ein anderer Kunde war, der sich zu einem Besuch in seinem Klaviersaal anmelden wollte, musste Bader, ob er wollte oder nicht, wieder ans Telefon und dieselben nervigen Fragen der fremden Dame zogen mittels des Hörers in sein Ohr.

Ohne vorherige Anmeldung tauchte diese nervige Dame eines Tages bei Bader auf.

Es schellte  an der Gastraumtür  heftig, und als Bader endlich den Schlüssel umgedreht hatte und die schwere Holztür des "Gefährlichen Hai" geöffnet hatte,   ließ sich die Ungeduld von ihrem  Gesicht ablesen. 

Die Dame erschien in Begleitung ihrer drei Töchter.   Die älteste Tochter war fast erwachsen, die Kleinen im Kindergartenalter.

Die Frau und  ihre Töchter waren herausgeputzt, als gingen sie auf eine Modenschau. Das  Parfum der Dame  duftete elegant und deutete  auf einen hohen Preis hin.

„Hören Sie, wir warten schon eine ganze Weile hier. Lassen Sie uns nicht warten, wir haben noch anderweitige Termine  heute“, keifte sie Bader beim Öffnen an. Die große, Sonnenstudio gebräunte Tochter hielt ihren Kopf sehr hoch und rümpfte beim Anblick Baders ihre ausdrucksvolle, etwas zu längliche  Nase.

Sie gab ihrer Mutter, die einen Kopf kleiner als ihre Tochter war und  mit ihrer gepflegten Figur sehr jugendlich aussah, nachdem sie Bader kritisch gemustert hatte,  mit einem deutlichen Blick durch ihre dunklen, leicht kleinen,  schlitzigen  Augen zu verstehen, dass der  Besuch bei Bader eigentlich unter ihrer Würde war.  

Bader wirkte in seinen Arbeitsklamotten  im Gegensatz zu den modisch gekleideten Damen tatsächlich sehr armselig und im Kontrast zu den perfekt gestylten Gästen irgendwie komisch.

Sein gestreiftes  Hemd roch nach altem Schweiß, seine graublaue Arbeitshose wies Flecken auf und seine Filzpantoffel besaßen an der Spitze große Löcher. Auch Ahlefeld konnte sich immer wieder über diese abgetragenen Hausschuhe köstlich amüsieren, aber Bader fand sie einfach zu schade zum Wegwerfen.

Bader selbst war zwar hoch gewachsen, doch hielt er sich immer leicht krumm, er war mittleren Alters, seine lockigen Haare und seine Augenbrauen schon ziemlich grau. Er muss früher sehr gut ausgesehen haben, doch mit der Zeit und vom Genuss des Rums hatte er eine rote, knubbelige Nase bekommen.
Aus seinen großen, leicht abstehenden Ohren standen die Haare, er trug einen stoppeligen Bart, seine großen Hände wiesen Schwielen auf.
Was  seine Arbeit und seine Klaviere anging, da war  Bader   selbstbewusst. Jetzt aber,  in dieser schäbigen  Montur verlor Bader gegenüber den Damen an Größe und Bedeutung.  Er knickte leicht ein, als  sich das Damenquartett an Bader verächtlich vorbeischob und den langen Flur zum großen Saal stolzierten. 

Anscheinend hatten die Damen Bader gar nicht auf der Rechnung.  Begleitet vom Singsang der kleinen Töchter mit „Wo sind die Klaviere, wo sind die Klaviere“ fanden sie instinktiv den Saal, eroberten den großen  Raum  und fielen ohne zu fragen über die Tasten her.

Die Kleinen klimperten wahllos mit ihren Patschehändchen auf den Tasten herum, versuchten es auch dann und wann mit ihren kleinen Fäusten, Töne hervorzuzaubern. Die schöne Mutter schob mit ihrer großen Tochter einen Schemel herbei und hieß ihre Tochter eine allzu bekannte Weise spielen, den Flohwalzer, was sie übrigens sehr  entzückend spielte.

Aber mit dieser popularen Musik  hörte Töchterleins Kunst schon auf. An jedem Klavier probierte sie immer diese eine Weise, während die Mutter stolz auf und ab ging, mal hier prüfend etwas Staub von einem Klavier wedelte und dort mit einem Fingernagel an den Tasten kratzte, um zu sehen, ob sie wirklich aus Elfenbein waren.  Und wenn die Kleinen nicht gerade auch auf den Tasten klimperten, wühlten sie in Baders Werkzeugkisten herum.

Bader stand mitten im Saal und wippte auf seinen Füßen. Holzkatze, die dem Schauspiel durch ein Loch des Bühnenvorhangs, das sie inzwischen entdeckt hatte, beiwohnte,  gewann den Eindruck, dass Bader durch diesen nachmittäglichen Überfall irgendwie handlungsunfähig schien.

Die Dame baute sich vor Bader auf und  stellte ihm   Fragen über Fragen und blickte Bader dabei fordernd und durchbohrend an.  Dabei hatte sie Bader bereits alles schon am Telefon gefragt.  Sie wartete meistens  gar keine Antwort ab,  sondern schoss sogleich mit der nächsten Frage auf ihn los.

Schließlich gab sich Bader einen Ruck und es gelang ihm, die Dame zu unterbrechen, die durch seine Störung irritiert wirkte.  "Dddarf ich IIhnänän und  uuund ihränän reieireizänänden Tötöchtern eine Äärfrischung servieren?" 

Die Dame schnappte nach Luft und wieder begann eine  lange Diskussion darüber, welche Säfte er anbieten könne und weiterm  Hin und Her, ob die Getränke für die Kinder in Gläsern oder Platikbechern, mit oder ohne Trinkhalm serviert werden sollten, entschieden sich die Töchter am Ende dafür, dass sie aus Flaschen trinken wollten, natürlich mit Trinkhalmen und  Bader durfte nach dem Palaver für die Kleinen eine Orangenlimonade, für die große Tochter eine zuckerfreie Cola und für die Mutter einen Tee bringen.

Als diese am Tee genippt hatte, entschied sie sich dann aber doch für einen Capuccino und Bader trabte ein weiteres Mal los, um die Wünsche zu erfüllen. Die kleinen Töchter hatten auf dem  Tablett einen Glasteller mit  Schokoladenkeksen entdeckt und sie griffen gierig zu den Keksen, stopften sich schnell ihre Münder voll und schmierten am Ende, weil sie in ihren Händen neuen Keksnachschub hielten,  ihre Münder und ihre Kleidung ein.

Die Mutter registrierte dies zwar, aber sie kümmerte sich in diesem Moment nicht um manierliches Essen und sie ließ  die Kleinen mit diesen Schokolade beschmierten Händchen, die Tasten der Klaviere berühren. Auch ein "Bbbitte" Baders half nichts, die kleinen Mädchen waren blitzschnell zu den nächsten Klavieren gesprungen und dekorierten die Tasten mit Schokoladenschmier.

Da  die Dame beim Genießen ihres Cappucinos nicht stehen wollte, ließ sie Bader einen der übrig gebliebenen gepolstertenen Saalstühle herbeiholen. Und mit geübter Gestik setzte sie sich und schlug äußerst gesittet ein Bein über das andere. Die Dame gab auch jetzt noch keine Ruhe. Sie deutete mit ihren Beautysalon gestalteten Fingernägeln auf ihre ältere Tochter hin, die unablässig vor dem großen Spiegel posierte. "Mein Tochter", so erklärte sie Bader, "wird eine Berühmheit". Diese Äußerung veranlasste Bader seinen Blick ebenfalls auf die spätere Berühmtheit zu werfen, aber Bader konnte beim besten Willen  beim Ansehen der Tochter die spätere Berühmtheit erkennen. Er überlegte, ob aus diesem großgewachsenen Kind eine bekannte Pianistin werden könne, aber in der Erinnerung des vorgetragenen Flohwalzers musste er diesen Gedanken schnell verwerfen. Doch die Dame klärte ihn sogleich auf.

"Meine Tochter wird eine berühmte Sängerin. Sie hat genau so viele Oktaven wie Mariah Carey. Ihre Stimme klingt genauso wie die Stimme Mariah Careys. Ich sage Ihnen, sie wird berühmt." Und die Dame sonnte sich bei diesem Ausspruch bereits in der geplanten Berühmtheit ihrer Tochter. "Ssossosso", stieß Bader hervor und machte eine Bewegung, als wolle er eine lästige Fliege verjagen.

Nachdem die Dame  den Capuccino ausgeschlürft  hatte, erhob sie sich, nicht ohne eine elegante Bewegung dabei gemacht zu haben und schritt wieder  durch den Saal und besah sich zum zweiten Mal die ausgestellten Instrumente, deren Tasten inzwischen teilweise schmierig aussahen.

Währenddessen zog  ihre große Tochter vor dem  großen Spiegel, den sie an der Wand entdeckt hatte,  Gesichter.   Dann begann sie  zu posieren. Immer dann, wenn Bader an einem Klavier schöne Weisen erklingen ließ,  gab die Tochter der Dame   Baletteinlagen zum Besten. 

Nachdem sich der Aufenthalt des Damenquartetts eine ganze Weile hingezogen hatte, ohne, dass die Dame bereits zu irgendeinem Entschluß gelangt war,  erblickte sie in der Nähe des Bühnenaufgangs  ein wirklich außergewöhnlich schönes Klavier. Es war  aus Nussbaum und es sah wirklich elegant aus. Die Dame   befragte Bader nach dem Preis. 

„8.000 Euro“ stotterte Bader bestimmt. Diese Antwort  hätte er lieber nicht geben sollen.  Das Gesicht der Dame entstellte sich durch Zornesfalten über der Nase und ihre Augen sprühten Wut; es hagelte  Schimpftiraden auf Bader , wie er es noch nie erlebt hatte. Er sah ganz verdattert aus, denn für diese Behandlung gab es keinen Grund.

Die Dame nannte Bader einen Betrüger. Bei jedem ihrer Worte trat sie einen Schritt näher auf Bader zu und bedrohte ihn mit ihrem Zeigefinger.  "Wissen Sie", keifte sie Bader an, "ich komme hierhier und muss mich von Ihnen beleidigen lassen! Ich bin eine Dame. Sie wollen mich betrügen.  Ich dachte, Sie lieben Ihre Kunden.  Sie wollen nur Geschäfte machen. Sie lieben Ihre Klaviere nicht. Sie denken nur an Geld. So viel Geld für so schlechte Ware? Wie kommen Sie dazu, mich auszurauben? Sie sind ein schlechter Mensch. Wenn Sie ein guter Mensch wären, dann würden Sie mich fragen, was ich bereit bin, zu zahlen!"

Bader blieb die Spucke weg, immer wieder setzte er zum Reden an, doch die Dame ließ es nicht zu, ihre Sendezeit schien noch lange nicht zu Ende und während sie ihn  ununterbrochen  anschrie und dabei  ihre Stimme immer schriller wurde und sie sich dabei auch wiederholte, weil sie immer wieder von der „Liebe zu den Klavieren“ und der damit verbundenen „Liebe zu den Kunden“ anfing, wurde es Bader, der sichtlich zusammengesackt war,  ganz schwindelig zumute.

Die große Tochter war derweil immer noch damit beschäftigt,    ihre Schönheit im große Spiegel zu bewundern. Offensichtlich ließ der aufgekommene Lärm sie völlig kalt, denn sie unterbrach ihre Posen nicht. Und auch  die Kleinen ließen sich nicht abhalten, die Klaviere auszuprobieren, aber  mit der zunehmenden Lautstärke der Stimme ihrer Mutter begannen sie  immer lauter auf die Tasten einzubommern.

Bader wurde ganz bleich und erhob sich zeitlupenartig von seinem Sitz, auf den er zusammengesackt war.  „Gänug, gägänug jjetzt! VeVeschwinden Sie!“ drohte er.  Er packte zum Entsetzen der Mutter, die kurz innehielt, die Kleinen  an ihren Ärmchen und schob sie vor sich her, dann griff  er die große Tochter und zerrte sie vom Spiegel, packte alle drei und geschwind hatte er die drei Töchter aus dem Saal manövriert, die Mutter pöbelte und überschlug sich dabei  „unverschämte Behandlung, Sie Betrüger, ich zeige Sie an, Sie Unhold, lassen Sie meine Kinder los“. 

Bader bugsierte die Damen hinaus und schloss immer noch ganz mitgenommen die schwere Eingangstür gut ab.    Noch auf der Straße hörte man den  Redeschwall.