Dienstag, 19. April 2011

6. Der Klaviersaal Baders



Zunächst nutzte Holzkatze das alte Sofa als Schlafplatz. Dieses Sofa hatte schon manchen Schwank auf der Bühne mitmachen müssen. Es musste sogar dulden, dass die männlichen Darsteller, die als Liebhaber in den aufgeführten Theaterstücken ihre Angebeteten dort heftig abknutschten, diese auch noch nach den Vorstellungen sozusagen vernaschten, wenn das Sofa zu den Requisiten zurückgestellt war. Aber das erahnte  unsere Holzkatze ja nicht, wenn sie sich auf der Liegefläche des Sofas rekelte.

Später, als Holzkatze alle auf der Bühne abgestellten alten Requisiten unter die Lupe nahm, entdeckte sie ihre Vorliebe für den alten Flügel, und zwar war der Deckel des Flügels ein wenig geöffnet. Da nicht mehr alle Saiten vorhanden waren, legte Holzkatze ein Kissen in den Flügel. Dieses Kissen hatte sie  in Baders Kammer gefunden und einfach entwendet, da, so Holzkatzes Meinung,   das Kissen   für Bader  überflüssig war, sie, Holzkatze es jedoch dringend für einen gemütlichen Schlafplatz benötigte.

Holzkatze nahm sich davor in Acht, von Bader als weitere Hausbewohnerin entdeckt zu werden.  Jeder Gang durchs Haus verlief im Geheimen. Wann immer sie konnte,   strich Holzkatze durchs Haus. Und das war immer, wenn Bader in seine Arbeit vertieft war und er arbeitete viele Stunden von früh morgens bis in den späten Abend hinein. 

Holzkatze liebte es aber auch, Bader zu beobachten. Sie hockte sich dann hinter ein Klavier oder einen Kasten.

Holzkatze fand, dass Bader wirklich genug Arbeit mit den alten Klavieren hatte, die er im Saal aufarbeitete.  Diese Pianofortes entstammten alle aus der Zeit, wo die aufstrebende Schicht, wie Kaufleute und Fabrikbesitzer ihre braven Töchterlein mit dem andächtigen Klavierspielen zu anständigen heiratsfähigen jungen Damen erziehen wollten.

Um den alten Flügel auf der Bühne jedoch, verdeckt von  den schweren Samtvorhängen, kümmerte sich Bader nicht. Nein, Baders Wege hin und her blieben auf den Saal begrenzt. 

Holzkatze wunderte sich, dass Bader nicht ein einziges Mal die Treppe zur Bühne hinaufgestiegen war, um die Vorhänge beiseite zu nehmen und auf die Bühne zu schauen. Es kam Holzkatze so vor, als ob für Bader dort kurz vor der Bühne der Saal aufhörte, als ob für Bader dort eine Mauer existierte. 

Manchmal rieb sich Holzkatze ihre Katzenaugen, obwohl Katzen nicht nur Tagsüber sondern auch Nachts über das beste Augenlicht verfügen, ob diese Bühne nur in ihrem kleinen Katzenkopfe existiere, weil dieser alte Kerl, verdammt noch mal, die Bühne völlig ignorierte.

Dann passierte es, dass Holzkatze, sobald Bader in seine Schlafkammer oben im Dach verschwunden war, die Treppe zur Bühne polternd betrat, um zu prüfen, ob diese Treppen vorhanden  oder nur ein Geisterspuk  waren.

Doch der Lärm, den Holzkatze auf den Stufen verursachte, hallte im großen Saal wieder.


Ja, Bader hatte nicht die geringste Ahnung von der Existenz des alten Flügels, des alten Sofas und all der andern alten Dinge, die dort abgestellt waren.

Holzkatze beruhigte sich mit ihrer These, dass Bader sicherlich schon alt war und nicht mehr alles um ihn herum wahrnehmen konnte.

Ja, den Klavieren erging es gut. Sie wurden liebevoll restauriert, das alte Holz poliert und auf Hochglanz gebracht, alle alten Filze, und die rostigen Saiten wechselte Bader aus, auch die Filze unter den Tasten erneuerte Bader; schließlich, wenn das Holz wieder glänzte, stimmte Bader die Klaviere und war dabei  richtig vergnügt. Er konnte sehr gut hören und – wenn alle Saiten nach seinem Geschmack gut stimmten – dann spielte er schöne Weisen und summte dabei leise Melodien aus seiner fernen Heimat.

Das war schön. Kein Gekeife, keine Tritte wie bei Gundel und Stefanie. Holzkatze erging es hier im "Gefährlichen Hai" wirklich gut     und, was wichtig war, sie  fiel Bader überhaupt nicht auf.

Manchmal kam es vor, dann schellte es laut an der alten Kneipentür, die Bader immer verschlossen hielt, dann  Bader schlurfte eilig in den alten Gastraum und orderte die Besucher, die sich die Klaviere ansehen wollten,  in den Saal. Während sich die Gäste umsahen, eilte Bader in die Wirtshausküche und kam stets nach einer Weile mit einem schweren Tablett zurück, das mit dampfendem Kaffee oder gutem Tee,  Tassen und einer edlen Porzellanschale mit feinen Keksen und kleinen Törtchen beladen war.

Die Leute griffen erfreut zu. Wer mag nicht so eine leckere Stärkung zwischendurch. Bader wusste genau, die Kunden bei Laune zu halten und wich ihnen nicht von ihrer Seite.

„Schschschauen Sie dieses gute Klklklavier an“, lobte er die Vorzüge eines Instrumentes aus Nussbaumholz. Dabei machte er vor den Leuten mit seinem Arm eine schwungvolle Verbeugung von den Leuten zum Klavier. Er klappte behutsam den Deckel auf, rückte sich einen Hocker zurecht und spielte eine schwungvolle Tanzweise.

Dann bot er den Leuten charmant lächelnd den Klaviersitz an. „Spspspielen Siesie!“ Obwohl Bader stotterte, sein Gesicht Bartstoppeln zierte und stets muffig nach alter Kleidung roch,  und seine große, rote,  knubbelige Knollennase abstoßend wirkte, gelang es ihm auf diese Weise doch  immer wieder, den Leuten ein Klavier aufzuschwatzen. 

Die meisten Besucher konnten noch gar nicht Klavier spielen, aber sie waren von Baders Künsten stark beeindruckt, dachten bei sich, dass sie es wohl auch schnell erlernen könnten, wenn dieser grob geschnitzte Bader so feine Musik damit machen könnte. Bader  hatte in der Tat zwar große, plumpe Hände, aber unter seinen groben Fingern klang jedes alte Klavier einfach grandios.

So gingen Baders Geschäfte gar nicht schlecht und Holzkatze genoss ihre Freiheit.