Donnerstag, 5. Mai 2011

20. Der fremde Gitarrist



Der Gitarrist spielte noch eine Weile auf den Saiten seiner  Gitarre. Da er aber einen Rausch verspürte, den er sich vom Genuß seines Rums zugefügt hatte, hielt er es für angebracht, sich auf der Bank lang auszustrecken. Er deckte sein Gesicht mit seinem Riesenhut zu und begann laut zu schnarchen.

Holzkatze wetzte ans andere Ende des Waggons und verkroch sich unter die hintere Bank. Währenddessen betrachtete Goldkatze den Fremden. Sie zog an seinem Sack, bis der auf die Seite fiel und öffnete ihn. Darin befand sich ein Laib Brot, die Flasche Rum mit einem kleinen Rest, das scharfe Messer, ein großes kariertes Tuch. Eine weitere Inspektion des großen Beutels unternahm Goldkatze jedoch nicht.

Sie sprang auf die Bank, auf der der Fremde lag, spazierte frech über ihn hinweg und mit zwei, drei großen Sätzen sprang sie zu  Holzkatze  unter die hintere Bank.

Holzkatze kümmerte sich nicht um Goldkatze. Ihr Groll gegen die unliebsame Begleiterin war nicht gewichen.

Der Zug ratterte unaufhörlich. Manchmal schüttelte sich der Zug, wenn er eine Kurve nahm. So ging es Stunde um Stunde. Ab und zu schien der Zug zu halten, denn das Rattern hörte für eine Weile auf.  Der Fremde rührte sich nicht. Er schlief tief und fest.

Die Katzen blieben unter der hinteren Bank. Auch sie rührten sich nicht.
Doch plötzlich regte  sich der Fremde. Eilig packte er seine Sachen, nicht ohne darüber erstaunt zu sein, dass sein großer Beutel neben seiner Bank auf der Seite lag und geöffnet war. Ein Stück Käse lag daneben. Schnell stopfte er es in den Sack und zog ihn zu, griff nach seiner Gitarre, zog die Schutzhülle darüber und schulterte sie.

Dann warf er einen Blick auf die Katzen, die er während seines tiefen Schlafes nicht vergessen hatte. Zwar hatte er im Traum überlegt, ob er nicht doch an Halluzinationen litt, aber da er nun seinen Rausch ausgeschlafen zu haben schien und er die  Katzen immer noch sah, gab er ihnen ein Zeichen des Aufbruchs:    „Los! Gleich sind wir da! Wir müssen  aussteigen“, befahl er. 

Der Zug wurde immer langsamer und begann zu schnaufen.  Es quietschte und der Zug schüttelte sich, dann stand er.  Die Katzen meinten, der Zug würde anhalten, weil hier die Endstation war,  deshalb leisteten sie auch keinen Widerstand, als der grobe Fremde mit dem Riesenhut die Katzen durch die geöffnete Waggontür stieß. 

„Raus, raus“, mahnte der Geselle, "macht schnell!"  und die Katzen purzelten ins Freie, der fremde  Mann sprang hinterher.

Und schon  setzte sich der Zug wieder in Fahrt.

Kaum dass die Katzen sich umsehen konnten, wo sie gelandet waren, hatte der Mann  sie mit einem Seil mittels zweier Schlingen  gefangen genommen.

Da  mochten sie zerren, wie sie wollten, es nützte gar nichts. Der Kerl zog die Katzen hinter sich her und da sie nicht über den Boden schleifen wollten, begannen sie, neben dem Kerl herzulaufen.

 Es war bereits dunkel geworden. Kalter, nasser Wind pfiff ihnen ins Gesicht.  Der Mann schritt munter einher. Sein riesiger Hut wirkte wie ein Schirm und sein Mantel schützte ihn vor der Nässe. Auch perlten die Regentropfen von seinem Mantel ab, denn der Stoff war beschichtet. Auch die Gitarre, die er auf dem Rücken trug,  war regensicher verpackt Aber auf die armen, frierenden Katzen platschte der Regen nieder. Zitternd liefen die Katzen neben  dem fremden Mann hinterher.

Der Kerl hatte gute Laune und schritt schnell voran. Plötzlich stoppte er und beugte sich zu den verängstigten Katzen. „Morgen wird Musik gemacht! Du musst spielen!“ befahl er Holzkatze und dann schaute er Goldkatze listig in die Augen und flüsterte schmeichelnd: „Sag mal, du goldige Katze, hast du Lust zu singen? Ich glaub´, du hast eine schöne Stimme“.

Goldkatze antwortete ihm nicht, sie begann, sich vor diesem Kerl zu widern, denn so eine Behandlung, die ihr jetzt widerfuhr,  hatte sie nicht erahnt,   und sie schüttelte sich den Regen aus dem Fell.

Der Mann aber hatte besonders gute Laune und pfiff vor sich her, trotz Regen und Wind und Kälte. Mit dem Gedanken daran, gerade zwei außergewöhnliche Katzen gefangen zu haben, die ihm mit gewissem Geschick seinerseits, ein wenig seine Reisekasse aufbessern konnten,  vorausgesetzt, er konnte ihr Vertrauen erlangen, dann wäre er, so sann er,  bald ein gemachter Mann.

Er zog seit etlichen Jahren mit seiner Gitarre  als Straßenmusiker durchs Land.  So verdiente er sich seinen Lebensunterhalt. In letzter Zeit jedoch klingelten nicht mehr so viele Münzen in seinen Gitarrenkoffer als früher, denn  er war nicht mehr der jüngste und erzielte mit seiner Gestalt nicht mehr die Anziehung, die er als junger Musiker erwirkte.

(siehe bitte auch meine weiteren Blogs: MP3 for you - MP3 for you ab 22. Mai 2011, neu im Netz mit vielen Funktionen

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