Sonntag, 24. April 2011

11. Die Rattenplage

Die Ratten hielten ein   Wassergrundstück besetzt. Darauf stand ein  großer, leicht verwitterter, hölzerner Bootsschuppen einer ehemaligen Bootswerft.  Hier wurden früher viele Boote gebaut.  Der  Schuppen besaß an jeder Seite ein  Tor. Das hintere Tor, zur Wasserseite hin,  führte zum Betonslip, auf dem die Boote zu Wasser gelassen oder aus dem Wasser gehievt werden konnten.


Der Besitzer war vor einigen Jahren  gestorben.  Seitdem gab es hier keinen Werftbetrieb mehr.    Die Erben hatten am Bootsbau keinen Gefallen. Sie  spekulierten mit den Grundstückspreisen und ließen das Grundstück verwildern. Die Bäume und Sträucher auf dem  Gelände wuchsen wild durcheinander, quer und in die Höhe.  Dieser Wildwuchs gewährte von der selten befahrenden Straße aus keinen Einblick auf das ehemalige Werftgelände.

 

Die alte Bootswerft lag  sehr abgelegen an einem versandeten Hafenbecken, ganz  am äußersten Ende des Hafens.  Hierher verirrte sich niemand.



Doch wäre  jemand vorbeigekommen, so hätte er aus dem Bootsschuppen reges Klopfen und Hämmern vernommen und er hätte auch das Fluchen der Bewohner wohl gehört. Die Ratten hausten  hier ungestört. 

Und wenn sie nicht gerade im Bootsschuppen werkten, konnte man sie auf der großen Müllhalde der Stadt beobachten. Sie  tummelten sich auch auf Schrottplätzen und durchwühlten alles.

Ihre Fundstücke   schleppten sie zum alten Bootsschuppen. Die Metallteile und anderes Material, das sie als Baumaterial nutzen konnten, lagerten sie neben dem Schuppen.

Hier bauten die Ratten Tretboote, die sie über Betonplatten, die auf dem Boden zum Ufer hin, eingebracht waren, dort bequem ins Wasser lassen konnten.

Über einen Seitenkanal gelangten sie auf die breiteren Kanäle und Fleete der Stadt. Sie  kamen auf dem Wasserwege   in fast alle Stadtteile bis in die feinsten und vornehmsten Gegenden, wo sie von der Wasserseite  aus die Grundstücke betraten und inspizierten.

Holzkatze kannte diese miesen Typen inzwischen genau. Sie wagten sich sogar bis zum „Gefährlichen Hai“. An der Rückseite des Geländes des „Gefährlichen Hais“ führte ein Fleet vorbei, vom Volksmund schlicht „Abfallgraben“ genannt, weil hier alle Anwohner  es sich zur Angewohnheit gemacht hatten,  in einem unbeobachteten Moment einfach ihren Unrat hineinkippten.

Die Ratten banden ihr Boot an den Pfählen der Uferbefestigung fest und gelangten durch ein bewegliches Brett im Lattenzaun unbemerkt auf Baders Innenhof während  eine Ratte  immer als Wache auf dem Boot zurückblieb.

Bei Gefahr pfiff sie so laut, dass die Ratten durchs Loch zurück zum Boot flitzten und so entschwinden konnten.  Aber eigentlich hatten sie weder hier, beim "Gefährlichen Hai" noch sonstwo in der Stadt auch nur das Geringste zu befürchten.

Nicht nur in der Nacht, auch  tagsüber  erchienen die Ratten in   Baders Küchenhof.    Immer wenn sie kamen,  durchwühlten sie Baders Abfalltonnen.

Wenn sie in seinen Abfalltonnen nichts Gescheites fanden, dann kramten sie leere Blechdosen aus den Abfalltonnen und spielten mit diesen Konservendosen Baseball. Sie schmissen sie bis vor den Hinterausgang der alten Wirtsküche.

Erblickte Bader, von dem Lärm angezogen, durchs Küchenfenster die Ratten, dann wurde er fuchswild. Er fuchtelte er mit den Armen, ballte seine Fäuste. „Vävärschwindet ihr Papack“ pöbelte er. Mehr konnte Bader nicht tun. Sein Gepöbel beeindruckte die Ratten nicht im geringsten.

Wäre er auf den Hof hinaustreten,  um die  Ratten zu verscheuchen, hätte es nichts genutzt.   Die   Ratten ließen sich nicht verjagen.
In den Konservendosen, mit denen die Ratten auf Baders Küchenhof lärmten,  befanden sich  keine Essensreste mehr. Die waren wie blankgeputzt.   Bevor Bader die Dosen  in seine Abfalltonnen schmiss  ,hatte  Holzkatze sie heimlich säuberlich ausgeschleckt; wohl musste sie dabei acht geben, dass sie sich nicht am scharfen Rand der Dosendeckel schnitt.

Nach diesem Restefest  legte Holzkatze die Dosen immer manierlich zurück. 

Da Bader  inzwischen mit Hilfe des Kalfaktors Ahlefeld eine gewisse Ordnung und Sauberkeit im "Gefährlichen Hai" hatte schaffen können und
Holzkatze   ihre neue Behausung im „Gefährlichen Hai“ gefiel  und sie nicht wollte, dass  die Möglichkeit, hier heimlichen Unterschlupf gefunden zu haben, durch ihr eigenes Verhalten gefährdet wurde,  stellte sie alle Dinge, die sie nutzte, immer wieder an die Orte zurück, woher sie sie genommen hatte.

Doch nicht alles im Leben lässt sich kontrollieren und nicht alles kann man im Leben vorhersehen oder planen.

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