Samstag, 30. April 2011

17. Die Mäuse



Goldkatze konnte nicht schlafen. Ein merkwürdiges Ticken kroch ihr in die Ohren, ein Ticken, das   immer lauter wurde.



Es war die alte Standuhr, die am anderen Ende des Saales gleich neben der breiten Saaltür stand; sie  wartete darauf, von einem Antiquitätenfreund für ein hübsches Sümmchen gekauft zu werden, um dann in einer feineren Umgebung zu ticken.

Hier bei Bader einfach so abgestellt zu sein,  war unter ihrer Würde. Sie träumte von einer Villa mit Bediensteten, die ihr morgens den lästigen Staub abwedelten. Sie kannte ihren Wert genau. 

 „Fit wie ein Turnschuh“ fühlte sie sich, obwohl sie schon ein sehr altes Uhrenhaus war. Sie tickte nach all den vielen Jahrzehnten ihres Uhrenlebens immer noch genau, so genau, dass sie es glatt mit einer modernen Funkuhr aufnehmen konnte.

Überhaupt, was sind das heute für Uhren, dachte sie empört, sie sei schließlich noch echte Handarbeit mit wertvollen Intarsien und Schnitzereien, was ist dagegen schon Industrieware. Ihr Inneres war Präzisionsarbeit, geschaffen von den Händen eines der anerkanntesten Uhrmacher des Landes aus edlen Metallen.

Der alte Bader verkaufte nämlich nicht nur Klaviere.  Denn, wenn er einen löchrigen alten Schrank,  einen wackligen Stuhl, einen abgenutzten Tisch oder gar eine alte Standuhr auftreiben konnte, so arbeitete er diese alten Möbel auf, um sie Besuchern anzupreisen und  mit einem guten Gewinn zu verkaufen.

Aber im Gegensatz zu diesem Feuerholz, wie die Standuhr, über diese Möbel dachte, war sie wirklich eine Seltenheit und wirklich kostbar. Die Standuhr knarrte.

 „Wem mögen diese kleinen Füßchen gehören, die immer unter und über dem Flügel herumlaufen?“ überlegte Goldkatze und spitzte die Ohren. Da, es pfiff laut durch den Saal!

Was war das? Ein Fiepen hinterm Flügel und ein Piepen unten im Saal. Kleine Füße trappelten über Holz, erst ein Kichern, dann ein Glucksen. Goldkatze schnupperte und warf einen prüfenden Blick auf Holzkatze.

Holzkatze hatte sich gemütlich eingerollt und schlief ganz fest neben ihrer Flöte. Jetzt trappelte es auf dem Flügeldeckel und nun rutschte irgendetwas den Deckel hinunter. "Plong, plong ... Plong". Immer wieder trappelten kleine Füßchen über den Flügel und "wutsch" hörte Goldkatze wieder ein Plong.

Der schwere Bühnenvorhang, der gut geschlossen war, ächzte jetzt ein wenig, es war, als ob ein Wind durch den Saal wehte. Goldkatze vernahm wieder das Kichern und Glucksen, ein Pfiff erklang aus einer Ecke des Saales, nun aus einer anderen.

Holzkatze regte sich, sie legte ihr Pfötchen mit einem sehr leisen, aber deutlichem "Psst" an ihre Schnauze, sie deutete Goldkatze still zu sein.

„Los“, schrie Goldkatze und mit einem Satz flog sie aus dem Flügel, den Quälgeistern hinterher, „ihr Plagegeister, ich krieg euch!“ schrie sie und zwängte sich dabei unter den schweren staubigen Vorhang.

Sie sprang in den Saal,  mitten in die freche Mäusemeute hinein. Die flitzten, wie aufgezogen über den Saalboden, jede Maus in eine andere Richtung.

 Goldkatze immer hinterher, mal in die eine, mal in die andere Richtung, sie war schon fast außer Atem, als sie sah, dass ein paar Mäuse auf den Tasten eines Klaviers frech hüpften. Goldkatze sprang auf die Klavierbank, die davor stand, schnellte mit ihren Vorderpfoten vor und schlug heftig auf die Tasten, immer gerade dort, wo die frechen Mäusebuben über die Tasten huschten.

Die Jagd mit Geklimper und Geklemper der Tasten wurde immer wilder, es tönte laut im Saal.

Fast klimperten und klackerten alle Tasten der Klaviere gleichzeitig, denn ein Heer von Mäusen war aus allen Ecken hervor gekrochen und die frechen Nager foppten unsere Goldkatze, wie sie nur konnten, denn einmal tanzten sie hier auf den weißen Tasten und dort auf den schwarzen Tasten,  Goldkatze jachterte hinter den kleinen grauen Geistern hinterher, vergeblich, die Trappelgeister pfiffen wie auf einem Fußballfeld und feixten.

So einen Spaß hatten sie sich nicht erträumt. Holzkatze hatte ja nie auf ihr Locken reagiert, aber jetzt feierten sie Karneval.

Holzkatze wurde ganz mulmig, als sie  sich das Spektakel durch den leicht geöffneten Bühnenvorhang ansah. Sie ahnte nichts Gutes und sprang ebenfalls in den Saal, aufgeregt hinter Goldkatze hinterher, schlug mit den Pfoten, um Goldkatze zu packen.

Wild fieberte Goldkatze hinter den Mäusen her, die geschickt vor ihr hertanzten, und, immer wenn Goldkatze ihre Pfoten durch die Luft wirbelte, waren die Mäuse schon beiseite gesprungen und die Tasten klirrten und schepperten, was das Zeugs hielt.

Immer wenn Goldkatzes Krallen den Mäusen gefährlich nahe kamen, waren die Mäuse schon beiseite gesprungen und die Tasten klirrten und klimperten und schepperten, dazu erklang der Mäusechor mit "Hihihihi und hahahaha" und „hahaha“ und „hihihi“.


Holzkatze hatte ihre liebe Not mit der wildgewordenen Goldkatze. Schließlich packte sie Goldkatze im Nacken und zerrte sie zur Bühne, während Goldkatze immer noch mit ihren Pfoten durch die Luft ruderte, keuchte, jappte und nach Luft schnappte. Sie war wie von Sinnen!

Plötzlich dröhnte es im Saal. Einmal, zweimal, dreimal, viermal, fünfmal bommerte es so laut, dass die Mäuse vor Schreck wie aufgezogene Spielmäuse durch den Saal flitzten und in Ritzen und Fugen der Saalwände verschwanden. Die alte Standuhr hatte die Zeit geschlagen.

Mit einem festen Griff zerrte und schleppte Holzkatze Goldkatze die Treppe zur Bühne hoch. Wie ein nasser Sack ließ sich Goldkatze hinter die Requisiten ziehen. Beide plumpsten auf den Holzboden unter dem Flügel und keuchten.

Derweil tickte die alte Standuhr als sei nichts geschehen. Ihr war alles egal.

Der Holzboden im Saal knarrte. Das Knarren wanderte umher.  Es war Bader, der, vom  lauten Getöse wach geworden, hatte sich schon vor einer Weile als Gast dieser seltenen Aufführung eingefunden und hatte sich hinter der breiten Saaltür mit seinen vom Schlaf aufgequollenen Augen  das Treiben verfolgt.

Bader schritt mit grimmiger Miene durch den Raum. Mit einer Taschenlampe leuchtete er jede Ecke  und jeden Winkel des Saals ab.

Die Klaviere und Flügel waren total ramponiert, das schöne Holz zerkratzt, ein Klavierdeckel lag in zwei Teilen auf dem Boden. Bader stolperte über herausgerissene Klaviertasten. Alles war hin.

Der Alte blieb in der Mitte des Saales stehen. Seine Miene war finster. Bis auf die Standuhr war alles zerstört. Monatelang hatte er gebraucht, die Instrumente zu reparieren und zu restaurieren, aber das, was er jetzt sah, machte ihn bitter.

  Mit bösem Blick hob er seine Faust und drohte in den Saal. Dann machte Bader kehrt, verließ den Saal und schlurfte ins Dachgeschoss.

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