Donnerstag, 21. April 2011

8. Ahlefeld





In der darauffolgenden Zeit, favorisierte  Holzkatze immer mehr den Flügel   als Schlafplatz und immer seltener  das abgewetzte Sofa.

 Ja, Holzkatze war die heimliche Bewohnerin des "Gefährlichen Hai"!  Das Gefühl neben Bader in diesen Gemäuern zu leben, mit allen Vorzügen, aber unerkannt, erfüllte Holzkatze mit großer Genugtuung.

 Neben ihren nächtlichen Ausflügen, wo sie sich im Hafengelände herumtrieb,  konnte sie tagsüber nicht genug davon bekommen, Bader  bei seiner Arbeit zu beobachten.

Er fummelte stundenlang an den Filzen, stichelte stundenlang mit einer Nadel in die Filze und schlug stundenlang immer dieselbe Taste an.

 Zunächst verstand Holzkatze Baders Tun überhaupt nicht. Komisch, wie Menschen ihre Zeit totschlagen, dachte sie. Aber bald, sehr bald erkannte Holzkatze den Sinn. Jedes auch noch so ramponierte Klavier, das beim Anschlagen der Tasten gescheppert hatte, erklang nach Baders Tortur plötzlich beinahe wie Engelsgesang.

Holzkatze verstand auch, warum sich  das nächtliche Trappeln der  Mäuse, die aus Ecken und Löchern hervorgekrochen kamen, immer mehr wie richtige Musik klang, wenn auch oft atonal, aber immer wieder drangen Harmonien in Holzkatzes Ohren, nach denen sie sich schon tagsüber sehnte.

An manchen Tagen hielt ein Lastwagen vor dem „Gefährlichen Hai“. Geschäftig führte Bader  die Transporteure in das Gebäude und im Saal wurden die Klaviere hin- und her geschoben.

Manchmal strömten Käufer in den Saal, die sich eines der aufgearbeiteten Klaviere  aussuchten und dann wurde das erworbene  Klavier auf einem Wagen vorsichtig herausgebracht. Die Käufer drückten dem alten Bader Scheine in die Hand und nachdem er wieder alleine war, rieb er  sich zufrieden die Hände. Aber was heißt allein? Alles fand unter der genauen Beobachtung Holzkatzes statt.

Dann tauchte eines Tages jemand an der Tür der Gaststube auf, den Holzkatze bisher nicht gesehen hatte. 

 Bader beeilte sich nach dem stürmischen Schellen, die Gastraumtür aufzuschließen. Bader  schien auf diesen Fremden sogar  gewartet zu haben. „Ah, A-Ahlefeld!“ begrüßte er ihn. 

Mit „Tach, Bader“ schob sich Ahlefeld grinsend durch die Tür und an Bader vorbei ins Haus. „Mein Chef sacht, ich kann Sie n bisschen helfen. Er hat im Moment nix zu tun für mich. Sie ham ja ihn gefracht“.

Ahlefeld war einer von Wittichs Kalfaktoren, ein  „Mädchen für alles“. „Ahlefeld, räum mal hier auf und mach dann nachher noch im Schuppen klar Schiff“, hieß es täglich von Bauunternehmer Wittich, der übrigens in der ganzen Stadt als  feister Kerl bekannt war, der die Leute  anzutreiben wusste.  

Ahlefeld war ursprünglich gelernter Elektriker, aber er arbeitete nur wenige Jahre in seinem Beruf, denn solange er zurückdenken konnte, war er  bei einer großen Wohnungsbaugesellschaft als Hausmeister oder auch „Mädchen für alles“ beschäftigt. Diesen Job füllte er bis zu seiner Pensionierung gut aus.

Da Ahlefeld jedoch auch als älterer Herr ein Bedürfnis auf ein gutes Leben hatte, sich gerne in guter Kleidung sah, sich die Haare beim Frisör pflegen ließ  und derweil mit seiner Frau eine schöne Reise machte, und er überdies noch gut bei Kräften war, verdiente er ein Zubrot bei Bauunternehmer Wittich.

Aber nun schien Ahlefeld bei Unternehmer Wittich alles aufgeräumt zu haben , denn er hatte  Zeit für  Bader.

Bader brauchte auch wirklich Hilfe. Schließlich musste der  Saal  jeden Tag gefegt werden.  Nach dem Fegen, musste der Saal nass gewischt werden. Schließlich durfte sich im Saal kein Staubkörnchen mehr regen, wenn Bader die Politur aufs Holz trug.

Und auch sonst musste im "Gefährlichen Hai" Ordnung geschaffen werden.  Der Müll, der in der Küche in den Eimern schon überquoll, musste hinaus getragen werden. Die Küche musste aufgeräumt werden. Das seit Wochen verschmutzte und überall herumstehende  Geschirr musste abgewaschen werden. Auch galt es, einige Dinge zu besorgen, denn schließlich hatte auch Bader derweil zu den Mahlzeiten Hunger. 

Bader wusste gar nicht, wo ihm der Kopf stand. Denn er beschäftigte sich nur mit den Klavieren. Er hatte genug damit zu tun, die alten Klaviere auf Vordermann zu bringen, denn an Kunden fehlte es mittlerweile nicht.

Einmal wollte eine Kundin unbedingt ein  Klavier kaufen, nur weil es so „entzückende“ Kerzenständer besaß. Dabei klang dieses Klavier wirklich scheußlich, und das obwohl Bader daran stundenlang gearbeitet hatte, gelang es Bader bei diesem Klavier einfach nicht, ein vernünftiges Musikinstrument daraus zu zaubern.

Dieses alte Klavier stand deshalb in der zweiten Reihe, verdeckt von Baders Prunkstücken.  Es war schon damals kein teures Instrument gewesen, nur eines mit hässlicher Oberdämpfung. Die Töne verschwammen bei  jedem Anschlag und die Musik klang wie Geistermusik oder wie in einem alten Westernsaloon, wo im nächsten Moment ein Cowboy mit gezückten Pistolen in den Saloon stützt.

Die Frau wanderte im Saal auf und ab, blieb hier und dort stehen, schaute enttäuscht drein, bis sie plötzlich Baders zweite Reihe entdeckte. Wie von einem Magneten angezogen, zog es sie zu einem Klavier hin, dass Bader eigentlich gar nicht auf seiner Rechnung hatte.

Die Frau liess sich nicht von einem Kauf abhalten, obwohl Bader ihr einen unverschämten Preis nannte, um ihr noch eine Gelegenheit zu geben, von einem Kauf Abstand zu nehmen.

Die Frau  hatte sich jedoch  in das Klavier und die Kerzenhalter verliebt, und so zahlte sie dafür diesen  beachtlichen Preis. Schließlich dachte Bader, "..nun gut, Geschäft ist Geschäft" und der Kauf war perfekt.

Nur eines bereitete  Bader allerdings größere Sorgen. Er hatte immer wieder Spuren von Mäuseködel im Saal entdeckt und er befürchtete, dass die Mäuse seinen Klavieren schädlich werden könnten.

„A-Ahlefeld, dudu mmusst Maumausefallen bebesorgen!“ „Mach ich Chef!“ grinste Ahlefeld. 


„Hahast Du die Maumausefallen aufaufgestellt?“ fragte Bader Ahlefeld eine Tages mit Nachdruck. „Ja, ja, Chef, alles klar!“ gab dieser zur Antwort.

Und das war gelogen.
Gerade Ahlefeld ließ sich bei jeder Arbeit viel Zeit.  Bei ihm tickten  die Uhren nun einmal anders.  Auch anders, als man sich vorstellen mochte.

"Immer mit der Ruhe", war seine Devise.
"Erst komme ich, und ganz zuletzt alle anderen, wenn überhaupt",
war seine zweite Regel. 
"Ich mach mich doch nicht tot", seine dritte Vorschrift.
"Was ich heute nicht kann besorgen, darüber mach ich mir auch morgen keine Sorgen", hatte Ahlefeld als Regel Numero fünf aufgestellt.
"Immer hübsch der Reihe nach, und der hübscheste bin immer noch ich", Regel Numero sechs.


Also, frei nach Ahlefeld, verrichtete dieser  die ihm übertragenen Aufgaben, aber wann, das entschied nur er selbst.  So verhielt es sich  mit den Mausefallen. Die waren bei Ahlefeld einfach noch nicht dran.

(Siehe auch MP3foryou)

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