Samstag, 7. Mai 2011

22. Das Stadtfest

„Halt! Stehen geblieben!“, eine scharfe Stimme ließ die Katzen erstarren. Plötzlich fühlten sie,  wie sich das Seil wieder um ihre Hälse zog.

„Nichts da mit Ausreißen! Was habt ihr gedacht? Einfach abhauen? Nein! Nicht doch! Heute  klingeln die Taler in meinen Kasten“, sagte er bestimmt. Er wies in die Ferne und lachte. „Das wird ein gutes Geschäft“.

Weit unten im Tal sahen die Katzen eine Ortschaft. Das sollte ihr Reiseziel sein? Der Mann packte seine Sachen und achtete darauf, dass Holzkatze ihre Flöte bei sich trug, als sie aufbrachen. Er stimmte froh ein Lied an und meinte zu Goldkatze, sie solle sich das Lied gut merken, denn sie würde es heute singen müssen.

Als die Gesellschaft nur noch zwei, drei Meilen von ihrem Ziel entfernt war, erblickten die Katzen einen großen Rummelplatz in der Nähe eines Kirchturms. Das Riesenrad ragte über den Kirchturm noch hinaus. Es drehte sich bereits.

Es war noch früh am Tage, doch in der Stadt drängten sich schon so viele Menschen durch die Straßen, dass der Mann mit dem Riesenhut und den angeleinten Katzen nicht auffiel, denn gewöhnlich werden  ja bekanntlich Hunde an der Leine geführt.

Buden wechselten sich mit Fahrgeschäften ab. Es gab ein Kettenkarussell, eine Achterbahn und auch eine Geisterbahn. Von allen Seiten strömten die Leute in die kleine Stadt.

Sie kamen nur langsam voran, weil viele Leute an den bunten Buden stehen geblieben waren, um sich die ausgelegten Waren anzusehen. Männer und Frauen prosteten sich mit frisch gezapftem Bier zu. An anderen Buden standen Leute, die genussvoll in heiße Würsten bissen, so dass das Fett weit spritzte.

Händler priesen, schon früh am Tage heiser geschrieen, ihre Waren an, Kinder rollerten quer durch die Menge und stießen Leute an. Losverkäufer stellten sich aufdringlich in den Weg und forderten vorüber ziehende Leute auf, in ihren Lostopf zu greifen. "Gewinne, Gewinne, Gewinne, Gewinne, ... Heute nur Hauptgewinne". Überall heulte dröhnende Musik auf.

Schließlich zog der bärtige Mann  mit den Katzen auf einen großen, gepflasterten Platz, der von Buden, in denen Obst und Gemüse verkauft wurde, umrahmt war.

Mitten auf diesem Platz hatten sich bereits viele Musiker um ein großes Holzpodest versammelt. Riesige Lautsprecher waren links und rechts neben dem Podest aufgestellt. Dahinter befand sich ein Zelt für die Technik. Von dort führten dicke Kabel zu den Lautsprechern und über das hintere Geländer des Holzgestells auf die Bühne.

Mädchen in kurzen, bunten Trikots übten Tanzschritte. Einige Musiker fiedelten auf ihren Geigen, andere pusteten sich auf ihren Blechhörner warm oder  schlugen wild auf ihre Trommeln ein und sangen laut, dass sich ein paar ältere, in lange Gewänder gekleidete Frauen die Ohren zuhielten.

Der Katzendieb ging auf einen Mann zu. Es war der Aufseher, der die auftretenden Musiker begrüßte und sie in eine Liste eintrug. Die beiden Männer schüttelten sich lange die Hände. Sie schienen sich sehr gut zu kennen.

„Ernest, du altes Haus, wo treibst du dich herum, wir haben uns schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen!“, bohrte Charly.  „Ja, das Leben spült einen immer woanders hin als man eigentlich will.“  gab Ernest zur Antwort und wies, auch um Charlys Fragerei abzubrechen,  mit ausladender Armbewegung stolz auf die Katzen.

„Seit wann bist du ein Tierfreund?“ fragte Charly, der Aufseher, dabei nickte er wohlwollend den Katzen zu.

„Tja, die Tierchen sind mir zugelaufen“, log Ernest, „und heute ist mein Tag!“ fügte er überzeugt hinzu.

Freitag, 6. Mai 2011

21. Gefangen?

Der Mann trieb die Katzen durch ein unwegiges Gelände durch Gestrüpp und über Baumstümpfe und gelangte mit ihnen auf einen steinigen Weg. Es ging nun einen ansteigenden Pfad hinauf.

Brennesselstängel, vom Regen niedergedrückt, ragten in den Weg hinein und schlugen den Katzen ins Gesicht. Der Regen rann den Weg hinunter und hatte den Boden aufgeweicht. Überall auf dem Weg krochen schmierige, schleimige braune Schnecken. Holzkatze fand das eklig und bemühte sich, auf keine Schnecke zu treten.

Goldkatze schien einmal wieder Abenteuerlust zu haben, alle drei Schritte hüpfte sie einen Schritt in die Luft. Ab und zu blickte sie zu dem  Mann mit dem Riesenhut hinauf.

Der weit fortgeschrittene Sommer ließ die Eichen und Nussbäume, die am Wegesrand standen und sich mit niederem Buschwerk und Gestrüpp abwechselten,  schwer an ihren Früchten tragen.

Nachdem der fremde Kerl und die Katzen lange durch die nasse Nacht gewandert waren, führte er die Katzen einen Hügel hinauf. Oben angekommen erwartete sie ein schützender  Heuschober. Hier war es endlich trocken. Die Katzen verkrochen sich müde ins Heu.

Am frühen Morgen hatte der Regen endlich aufgehört. Die Katzen hatten sich aus dem Strick befreien können und schlüpften unbemerkt aus dem Heuschober, an dem fremden Kerl vorbei.

 Sie räkelten sich in der aufgehenden und bereits wärmenden Sonne. Die ersten Sonnenstrahlen durchdrangen die Nebelschwaden, die wie Watte auf den Wiesen lagen. Die Katzen blickten in den Stall und betrachteten ihren Räuber.

Er lag ausgestreckt neben seiner Gitarre und schien noch fest zu schlafen.

„Komm, wir gehen!“, flüsterte Holzkatze, dabei zupfte sie Goldkatze im Fell.

Donnerstag, 5. Mai 2011

20. Der fremde Gitarrist



Der Gitarrist spielte noch eine Weile auf den Saiten seiner  Gitarre. Da er aber einen Rausch verspürte, den er sich vom Genuß seines Rums zugefügt hatte, hielt er es für angebracht, sich auf der Bank lang auszustrecken. Er deckte sein Gesicht mit seinem Riesenhut zu und begann laut zu schnarchen.

Holzkatze wetzte ans andere Ende des Waggons und verkroch sich unter die hintere Bank. Währenddessen betrachtete Goldkatze den Fremden. Sie zog an seinem Sack, bis der auf die Seite fiel und öffnete ihn. Darin befand sich ein Laib Brot, die Flasche Rum mit einem kleinen Rest, das scharfe Messer, ein großes kariertes Tuch. Eine weitere Inspektion des großen Beutels unternahm Goldkatze jedoch nicht.

Sie sprang auf die Bank, auf der der Fremde lag, spazierte frech über ihn hinweg und mit zwei, drei großen Sätzen sprang sie zu  Holzkatze  unter die hintere Bank.

Holzkatze kümmerte sich nicht um Goldkatze. Ihr Groll gegen die unliebsame Begleiterin war nicht gewichen.

Der Zug ratterte unaufhörlich. Manchmal schüttelte sich der Zug, wenn er eine Kurve nahm. So ging es Stunde um Stunde. Ab und zu schien der Zug zu halten, denn das Rattern hörte für eine Weile auf.  Der Fremde rührte sich nicht. Er schlief tief und fest.

Die Katzen blieben unter der hinteren Bank. Auch sie rührten sich nicht.
Doch plötzlich regte  sich der Fremde. Eilig packte er seine Sachen, nicht ohne darüber erstaunt zu sein, dass sein großer Beutel neben seiner Bank auf der Seite lag und geöffnet war. Ein Stück Käse lag daneben. Schnell stopfte er es in den Sack und zog ihn zu, griff nach seiner Gitarre, zog die Schutzhülle darüber und schulterte sie.

Dann warf er einen Blick auf die Katzen, die er während seines tiefen Schlafes nicht vergessen hatte. Zwar hatte er im Traum überlegt, ob er nicht doch an Halluzinationen litt, aber da er nun seinen Rausch ausgeschlafen zu haben schien und er die  Katzen immer noch sah, gab er ihnen ein Zeichen des Aufbruchs:    „Los! Gleich sind wir da! Wir müssen  aussteigen“, befahl er. 

Der Zug wurde immer langsamer und begann zu schnaufen.  Es quietschte und der Zug schüttelte sich, dann stand er.  Die Katzen meinten, der Zug würde anhalten, weil hier die Endstation war,  deshalb leisteten sie auch keinen Widerstand, als der grobe Fremde mit dem Riesenhut die Katzen durch die geöffnete Waggontür stieß. 

„Raus, raus“, mahnte der Geselle, "macht schnell!"  und die Katzen purzelten ins Freie, der fremde  Mann sprang hinterher.

Und schon  setzte sich der Zug wieder in Fahrt.

Kaum dass die Katzen sich umsehen konnten, wo sie gelandet waren, hatte der Mann  sie mit einem Seil mittels zweier Schlingen  gefangen genommen.

Da  mochten sie zerren, wie sie wollten, es nützte gar nichts. Der Kerl zog die Katzen hinter sich her und da sie nicht über den Boden schleifen wollten, begannen sie, neben dem Kerl herzulaufen.

 Es war bereits dunkel geworden. Kalter, nasser Wind pfiff ihnen ins Gesicht.  Der Mann schritt munter einher. Sein riesiger Hut wirkte wie ein Schirm und sein Mantel schützte ihn vor der Nässe. Auch perlten die Regentropfen von seinem Mantel ab, denn der Stoff war beschichtet. Auch die Gitarre, die er auf dem Rücken trug,  war regensicher verpackt Aber auf die armen, frierenden Katzen platschte der Regen nieder. Zitternd liefen die Katzen neben  dem fremden Mann hinterher.

Der Kerl hatte gute Laune und schritt schnell voran. Plötzlich stoppte er und beugte sich zu den verängstigten Katzen. „Morgen wird Musik gemacht! Du musst spielen!“ befahl er Holzkatze und dann schaute er Goldkatze listig in die Augen und flüsterte schmeichelnd: „Sag mal, du goldige Katze, hast du Lust zu singen? Ich glaub´, du hast eine schöne Stimme“.

Goldkatze antwortete ihm nicht, sie begann, sich vor diesem Kerl zu widern, denn so eine Behandlung, die ihr jetzt widerfuhr,  hatte sie nicht erahnt,   und sie schüttelte sich den Regen aus dem Fell.

Der Mann aber hatte besonders gute Laune und pfiff vor sich her, trotz Regen und Wind und Kälte. Mit dem Gedanken daran, gerade zwei außergewöhnliche Katzen gefangen zu haben, die ihm mit gewissem Geschick seinerseits, ein wenig seine Reisekasse aufbessern konnten,  vorausgesetzt, er konnte ihr Vertrauen erlangen, dann wäre er, so sann er,  bald ein gemachter Mann.

Er zog seit etlichen Jahren mit seiner Gitarre  als Straßenmusiker durchs Land.  So verdiente er sich seinen Lebensunterhalt. In letzter Zeit jedoch klingelten nicht mehr so viele Münzen in seinen Gitarrenkoffer als früher, denn  er war nicht mehr der jüngste und erzielte mit seiner Gestalt nicht mehr die Anziehung, die er als junger Musiker erwirkte.

(siehe bitte auch meine weiteren Blogs: MP3 for you - MP3 for you ab 22. Mai 2011, neu im Netz mit vielen Funktionen

Mittwoch, 4. Mai 2011

19. Der Gitarrist

 
Goldkatze stieß Holzkatze ein zweites Mal. Holzkatze flog in den Wagon und Goldkatze sprang  hinter ihr her.   

Die Tür des Wagons klappte zu. Es gab einen Ruck. Der Zug fuhr an.

Aber das bemerkten die Kätzinnen nicht. Sie bildeten ein fauchendes Knäuel, das auf dem staubigen Boden des Wagons hin und her rollte. Holzkatze biß Goldkatze erst ins rechte Ohr, dann ins linke Ohr. Sie ließ hatte genug von Goldkatze. Seitdem Goldkatze in ihrem Leben aufgetaucht war, ging alles schief.

 Sie riß an den Goldkreolen. Goldkratze schrie laut auf und erwischte  Holzkatze mit ihren Tatzen, deren Krallen lang und scharf ausgefahren waren.

Auf dem Boden zeichnete sich eine ölige Spur ab, die zu zwei Fischdosen führte, die bei dem Kampf ans hintere Ende des Wagons unter eine Bank getrudelt waren.  

„Ei, ei, zwei Kampfkatzen! “,  ertönte eine tiefe Stimme aus dem Inneren des Waggons, der ziemlich dunkel war, da alle Vorhänge der Fenster zugezogen waren.

Die Katzen fuhren zusammen und hielten in ihrem Kampf inne. Sie erblickten einen wild aussehenden Mann mit langen Haaren, einem dicken, ungepflegten, krausen Bart. Ein riesiger Hut bedeckte seinen Kopf, der auf seinen auffällig großen Ohren  Halt bekam.

„Wo wollt ihr hin?“ blökte  der wilde Mann den Katzen zu, während er seinen Riesenhut in den Nacken schob.

„Ha, ich denk, ihr seid so schlau wie ich. Ich fahr immer umsonst. Ich brauch keine Fahrkarte.“

Holzkatze verstand nicht,  was der fremde Mann meinte. Holzkatze hatte eigentlich nur einen ungestörten Futterplatz für ihre Fischdose gesucht. Dass Goldkatze sie in diesen  Wagon schubsen würde, konnte sie nicht ahnen. Aber wenn es darauf ankam, ließ Holzkatze sich nichts gefallen und sie verpasste Goldkatze den ersten Schlag.

Die Katzen merkten  erst jetzt, dass der Zug fuhr, die Wagontür geschlossen war und  ein Ausstieg aus dem Zug so  unmöglich wurde. Aber Goldkatze schien dies nicht zu stören. Sie grinste den fremden Mann mit dem Riesenhut frech an. Dieser gab mit  seiner rechten Hand den Katzen zu verstehen, näher zu kommen.

 Irgendwie ahnte   Holzkatze, dass sie durch Goldkatzes  Übermut  in eine missliche Lage gekommen war.

„Ihr seid wohl schwer von Begriff“ murmelte der fremde Geselle in seinen Bart.

Holzkatze verhielt sich weiter still, Goldkatze grinste unentwegt den Kerl an. 

Der Mann tat jetzt  gleichgültig. Er winkte  ab.

Unter der Bank stand ein großer grüner Rücksack, der an vielen Stellen geflickt war.  Er ihn  unter der Bank hervor,   kramte darin herum und entnahm dem Sack einen Kanten Brot sowie  eine dunkle Flasche.

 „Saft!“, lachte der Fremde und hielt die Flasche  spaßeshalber in die Richtung der Katzen. Dann öffnete  er den Verschluss  und genehmigte sich einen guten Schluck von der bräunlichen Flüssigkeit. „Aah!“ sagte er zufrieden in sich hinein.

Nun nahm er einen blanken Käsedolch, der neben ihm auf der Bank gelegen hatte,  und schnitt sich damit von dem  Kanten Brot ein großes Stück ab, er trank noch einen Schluck aus der Flasche und bekam dabei einen Schluckauf.

Holzkatze schnupperte. Sie  kannte den Geruch, der ihr jetzt in ihre Nase kroch vom alten Bader. Es war Rum!  Der fremde Kerl trank Rum!

Während der Fremde ausdauernd kaute und immer wieder einen Schluck nahm,  warf er   aus kleinen, flinken Augen, die fast versteckt unter dicken, wuscheligen Augenbrauen lagen, einen Blick auf die Katzen. 

Holzkatze hatte sich  nun bis ans andere Ende des Waggons verkrochen, während Goldkatze immer noch vor dem Fremden hockte und ihn angrinste.

  Er streckte seine dicke Hand lockend aus. „Nun kommt doch mal her. Ich tu euch nichts, bin euer Freund.“, hickste er.

Holzkatze rührte sich nicht. Goldkatze war mit einem Satz bei Holzkatze und kroch ebenfalls unter die Bank. Ihr war ihre Fischmahlzeit eingefallen und hatte keine Lust, dass Holzkatze, die sich wieder an ihre Fischdose gemacht hatte,  ihre Portion mitfraß.

 „Dann eben nicht“, knurrte der Fremde. Als er satt war und auch seinen Durst gestillt hatte, rülpste er laut und reckte sich.  Gähnend breitete er sich auf der Bank aus und schob seinen Riesenhut über sein bärtiges Gesicht.

Unaufhörlich ratterte der Zug. Der Fremde lag schnarchend auf der Bank. Die Katzen konnten endlich in Ruhe ihre Fischdosen ausleeren. Welch ein Leckerbissen! Sie waren so hungrig, dass sie auch die Tunke, die sich beim Hantieren auf den Boden ergoss,  aufleckten. Auch der Ölspur krochen sie hinterher und schleckten alles sauber. Dann rieben sie mit ihren Pfoten die Tomatentunke von ihren Mäulern und schleckten am Ende ihre Pfoten ausgiebig ab.

Der fremde Mann schlief immer noch. „Er sieht wild aus“, dachte Holzkatze. „Ob er  wohl gefährlich ist?“ flüsterte Holzkatze. Goldkatze zuckte mit den Schultern. "Nöö", meinte sie, "der sieht doch freundlich aus".

   Der Fremde wachte durch einen heftigen Hustenanfall auf, er schob den Riesenhut aus seinem Gesicht und richtete sich, immer noch laut kröchelnd, auf.  Er sah sich um. Dann  ergriff er die Gitarre, die neben ihm an der Bank lehnte, er  stimmte sie sorgfältig und begann die Saiten zu zupfen.  Dazu sang er mit rauer Stimme.

Von der Musik angelockt, kamen die Katzen näher und lauschten.   Das war dem bärtigen Fremden nicht entgangen. „Ha, das gefällt euch wohl, was?“

„Holzkatze macht auch Musik“, unterbrach Goldkatze den Fremden aufgeregt. Der Mann beäugte Goldkatze. „Ach was, das is´ ja ´nen Ding“. Er beugte sich ungläubig zu den Katzen; er meinte, er hätte sich verhört, denn bekanntlich  können Katzen weder sprechen, noch Musik machen. Zumindest keine richtige, denn Katzengejaule ist ja keine Musik.

 Er glaubte, etwas zu viel Rum getrunken zu haben und schob das soeben Gehörte seiner Trunkenheit  zu.  Er spielte  weiter auf seiner Gitarre und schaute dabei immer wieder auf diese Katzen. 

Doch  seine Gedanken kreisten  um das Gehörte,  was Goldkatze ihm  gerade gesagt hatte. Gesagt hatte? Der Fremde schüttelte seinen großen Kopf und seine übergroßen Ohren schlackerten dabei. Fast hätte er seinen Hut verloren.

 „Seit wann können Katzen reden?“, überlegte er.

 Aber dass er an Halluzinationen litt, auch wenn er betrunken war,  daran konnte er  wollte er nicht glauben. Schließlich hockten die zwei Katzen ja direkt vor ihm. Oder etwa nicht? War alles nur Einbildung? 

Aber wie er die beiden so betrachtete, verwarf er diesen Gedanken. Nein, nein, er spann nicht, die Katzen saßen direkt vor ihm. Und die ehemals goldfarbene der beiden Katzen hatte er gerade sprechen hören!

„Nein, das kann nicht sein. Hab wohl doch zu viel  Rum getrunken“, dachte er wieder bei sich und nahm sich vor, in Zukunft  mit dem Alkohol vorsichtiger zu sein.

Denn, was er nun sah und was er hörte, konnte einfach  nicht wahr  sein. Er traute seinen Ohren nicht, als er Holzkatze, die ihre  Flöte unter der Bank hervorgeholt hatte, spielen sah. So geschwind glitten die Pfoten Holzkatzes über die Löcher der Holzflöte und die Melodien waren so wunderbar und fein, wie der Fremde zuvor noch nie gehört hatte.

Als Holzkatze ihre Weise beendet hatte, klatschte Goldkatze   in die Pfoten. 

Der Fremde nahm sich vor, auf diesen Spuk nicht weiter zu achten und er tat  unberührt. So ein Geisterkram, dachte er erneut,  und er nahm sich vor Holzkatzes Kunst nicht weiter zu beachten. "Ich lasse mich nicht täuschen. Ich bin einfach zu besoffen", murmelte er zu sich selbst.
  
Die Katzen hockten noch immer vor ihm. Holzkatze begann erneut zu spielen. Der Fremde rieb sich ein paar Mal die Augen und stocherte mit seinen Fingen in seinen Ohren.  "Wenn das wirklich wahr ist, was ich jetzt sehe", dachte er, "dann  kommen die  mit mir“. 

„Die beiden kann ich gut gebrauchen“. 

MP3foryou

Sonntag, 1. Mai 2011

18. Der Auszug (Holzkatze und Goldkatze)

 18.  Der Auszug   (Holzkatze und Goldkatze)






Als die Sonne übers Dach des „Gefährlichen Hai“ kroch,
öffnete sich die Eingangstür der ehemaligen Hafenkneipe.

Krumm gebeugt trat Bader heraus. In diesem Moment parkte der Wagen des Bauunternehmers vor dem Gebäude. Breit grinsend stieg Wittich aus, schlug Bader mit grober Hand auf dessen  Schulter.

„Kopf hoch, Bader. War doch sowieso Feuerholz. Ich hab ne Axt gleich mitgebracht. Mein Kamin freut sich.“

Holzkatze und Goldkatze hockten zusammengekauert auf dem Pappdach des gegenüberliegenden Schuppens. Sie spürten den Ernst der Lage. Die aufsteigende Morgensonn ließ zwar ihre warmen Strahlen auf die Katzen scheinen, doch ein Gefühl der Kälte ließ sich dadurch nicht vertreiben.

Goldkatze sah nicht mehr golden sondern schmutzig grau aus und auch Holzkatze besaß nicht mehr ihr holzfarben gemasertes Fell. Der Staub, der bei der nächtlichen Raserei aufgewirbelt war, hatte die Katzen unansehnlich werden lassen.

„Irgendwie tut mir Bader leid“, dachte Holzkatze.  Bader trat in Begleitung Wittichs, der gebieterisch Anweisungen gab, krummgebeugt aus dem Haus und hängte ein Schild über die Klinke: „Geschlossen!“.

 „Dummkatze“ fauchte Holzkatze Goldkatze an und sprang vom Pappdach und war auf und davon.

Goldkatze rührte sich nicht. Ihre Augen waren auf den "Gefährlichen Hai" geheftet. Was sie sah, konnte sie noch nicht richtig einordnen. Sie verstand das alles nicht. Wieso kam dieser fremde Mann so früh mit dem Auto vorgefahren.  Was war los?

Goldkatze warf einen vorsichtigen Blick zur Seite. Wo Holzkatze eben noch gesessen hatte, war der Platz leer. Goldkatze fühlte sich elendig und allein gelassen.

Während Goldkatze auf dem Pappdach sass, lief Holzkatze Richtung Hafen. Nach einer Weile erreichte sie die Eisenbahngeleise. In einiger Entfernung stand ein Güterzug.

„Der wartet dort bestimmt auf seine Abfahrt“, dachte Holzkatze. Menschen waren nicht zu sehen, obwohl im Hafen schon die Frühschicht begonnen hatte, denn von einem gegenüberliegenden Hafenbecken hörte sie das dumpfe Geräusch der Container, die auf ein Deck gestellt wurden. 

 Holzkatze fühlte, dass  ihr Magen leer war.  Jetzt hieß es erst einmal,  sich ein  Frühstück zu besorgen.

Holzkatze huschte auf die Laderampe einer riesigen Lagerhalle und schlüpfte durch das leicht geöffnete Hallentor. Hier war es angenehm kühl und es roch gut.

Fischgeruch kroch Holzkatze in die Nase. Sie hatte Glück, vor einer Palette lag eine Karton mit Fischdosen, davon waren einige geöffnet. Als sie sich eine Dose ergriff, bemerkte sie einen Schatten.  Oh nein, es war Goldkatze, die ihr einfach gefolgt war! Goldkatze griff sich ebenfalls  eine Dose , denn auch sie war hungrig.

Ein großer Schatten kam um die Ecke des Hallentores. Die Katzen flitzten zum Ausgang und entwischten gerade noch rechtzeitig einem Arbeiter.

Sie versteckten sich mit ihrem Fund hinter dem Lagerschuppen. Der Fisch war ohne Gräten und schmeckte köstlich, obwohl die Katzen nicht leugnen konnten, dass der Fisch bereits einen leichten Geruch aufwies.

 „Du“,  fragte Goldkatze, während sie sich das Maul schleckte.  „Holzkatze“ begann Goldkatze erneut. „Holzkatze, warum kannst du flöten?"  Holzkatze blickte verdattert auf.  Wieso fragt die mich jetzt so etwas?, überlegte sie. Nach dem Chaos der letzten Nacht und dem fluchtartigen Auszug aus ihrem neuen Heim, scheint Goldkatze immer noch nicht die Situation begriffen zu haben. Das sorgenfreie Leben, das sich Holzkatze mühsam erarbeitet hatte, war vorbei. Aus und vorbei!

Holzkatze war Goldkatze einen strafenden Blick zu. "Nerv mich nicht," raunte sie ihr zu, "du hast schon genug angerichtet!"  Doch Goldkatze ließ nicht locker. Und man mag sich fragen, ob sie das nächtliche Geschehen durch solche Art einfach ignorieren wollte oder war Goldkatze wirklich so naiv und hatte noch gar nichts geschnallt.

"Holzkatze, " begann sie von neuem, "nun sag doch schon, wieso kannst du fllöten?"  Holzkatze überlegte, wie sie Goldkatze abwimmeln könnte. "Gelernt" war ihre knappe Antwort. Aber nun begann Goldkatze zu löchern. 

  „Woher hast du eigentlich die Flöte?“ bohrte Goldkatze. „Vom Flötenbaum“ log Holzkatze, der Goldkatzes Fragerei lästig wurde und hoffte, damit Goldkatzes Fragerei zu stoppen.

Goldkatze ließ nicht locker. „Wo ist der Flötenbaum?“ wollte sie wissen. „Nicht hier“ anwortete Holzkatze ungeduldig. „Können wir da nicht hinlaufen?“ nervte Goldkatze weiter. „Zu weit“ entgegnete Holzkatze abweisend, um den Fragen endlich ein Ende zu machen.

„Ach, schwärmte Goldkatze, „du spielst wirlich wunderschön“. Goldkatze faltete ihre Katzenpfötchen, schaute schwärmerisch in den Morgenhimmel und schlug dann ihre Augen demonstrativ zu und verharrte in dieser andächtigen Stellung.

 „Meinst du?“ fragte Holzkatze so nebenher gesagt und dabei blickte gar nicht mehr so grimmig drein. Insgeheim fühlte sie sich sehr geschmeichelt, aber das zeigte sie nicht, sondern riet Goldkatze in einem heftigen, unmißverständlichem Ton, nun endlich zu verschwinden.

Goldkatze ließ sich davon nicht beirren. Während Holzkatze verzweifelt versuchte, Goldkatze abzuschütteln und darum  ihre Beute und ihre Flöte ergriff,  um schnell hinter dem Schuppen zu verschwinden, flitzte Goldkatze wie angeklebt hinter ihr her.

 „Los“, schrie Goldkatze plötzlich, ergriff Holzkatze von hinten und  schubste sie  vom Bahnsteig genau  auf das Trittbrett eines Schaustellerwaggons, dessen Tür geöffnet war.


Samstag, 30. April 2011

17. Die Mäuse



Goldkatze konnte nicht schlafen. Ein merkwürdiges Ticken kroch ihr in die Ohren, ein Ticken, das   immer lauter wurde.



Es war die alte Standuhr, die am anderen Ende des Saales gleich neben der breiten Saaltür stand; sie  wartete darauf, von einem Antiquitätenfreund für ein hübsches Sümmchen gekauft zu werden, um dann in einer feineren Umgebung zu ticken.

Hier bei Bader einfach so abgestellt zu sein,  war unter ihrer Würde. Sie träumte von einer Villa mit Bediensteten, die ihr morgens den lästigen Staub abwedelten. Sie kannte ihren Wert genau. 

 „Fit wie ein Turnschuh“ fühlte sie sich, obwohl sie schon ein sehr altes Uhrenhaus war. Sie tickte nach all den vielen Jahrzehnten ihres Uhrenlebens immer noch genau, so genau, dass sie es glatt mit einer modernen Funkuhr aufnehmen konnte.

Überhaupt, was sind das heute für Uhren, dachte sie empört, sie sei schließlich noch echte Handarbeit mit wertvollen Intarsien und Schnitzereien, was ist dagegen schon Industrieware. Ihr Inneres war Präzisionsarbeit, geschaffen von den Händen eines der anerkanntesten Uhrmacher des Landes aus edlen Metallen.

Der alte Bader verkaufte nämlich nicht nur Klaviere.  Denn, wenn er einen löchrigen alten Schrank,  einen wackligen Stuhl, einen abgenutzten Tisch oder gar eine alte Standuhr auftreiben konnte, so arbeitete er diese alten Möbel auf, um sie Besuchern anzupreisen und  mit einem guten Gewinn zu verkaufen.

Aber im Gegensatz zu diesem Feuerholz, wie die Standuhr, über diese Möbel dachte, war sie wirklich eine Seltenheit und wirklich kostbar. Die Standuhr knarrte.

 „Wem mögen diese kleinen Füßchen gehören, die immer unter und über dem Flügel herumlaufen?“ überlegte Goldkatze und spitzte die Ohren. Da, es pfiff laut durch den Saal!

Was war das? Ein Fiepen hinterm Flügel und ein Piepen unten im Saal. Kleine Füße trappelten über Holz, erst ein Kichern, dann ein Glucksen. Goldkatze schnupperte und warf einen prüfenden Blick auf Holzkatze.

Holzkatze hatte sich gemütlich eingerollt und schlief ganz fest neben ihrer Flöte. Jetzt trappelte es auf dem Flügeldeckel und nun rutschte irgendetwas den Deckel hinunter. "Plong, plong ... Plong". Immer wieder trappelten kleine Füßchen über den Flügel und "wutsch" hörte Goldkatze wieder ein Plong.

Der schwere Bühnenvorhang, der gut geschlossen war, ächzte jetzt ein wenig, es war, als ob ein Wind durch den Saal wehte. Goldkatze vernahm wieder das Kichern und Glucksen, ein Pfiff erklang aus einer Ecke des Saales, nun aus einer anderen.

Holzkatze regte sich, sie legte ihr Pfötchen mit einem sehr leisen, aber deutlichem "Psst" an ihre Schnauze, sie deutete Goldkatze still zu sein.

„Los“, schrie Goldkatze und mit einem Satz flog sie aus dem Flügel, den Quälgeistern hinterher, „ihr Plagegeister, ich krieg euch!“ schrie sie und zwängte sich dabei unter den schweren staubigen Vorhang.

Sie sprang in den Saal,  mitten in die freche Mäusemeute hinein. Die flitzten, wie aufgezogen über den Saalboden, jede Maus in eine andere Richtung.

 Goldkatze immer hinterher, mal in die eine, mal in die andere Richtung, sie war schon fast außer Atem, als sie sah, dass ein paar Mäuse auf den Tasten eines Klaviers frech hüpften. Goldkatze sprang auf die Klavierbank, die davor stand, schnellte mit ihren Vorderpfoten vor und schlug heftig auf die Tasten, immer gerade dort, wo die frechen Mäusebuben über die Tasten huschten.

Die Jagd mit Geklimper und Geklemper der Tasten wurde immer wilder, es tönte laut im Saal.

Fast klimperten und klackerten alle Tasten der Klaviere gleichzeitig, denn ein Heer von Mäusen war aus allen Ecken hervor gekrochen und die frechen Nager foppten unsere Goldkatze, wie sie nur konnten, denn einmal tanzten sie hier auf den weißen Tasten und dort auf den schwarzen Tasten,  Goldkatze jachterte hinter den kleinen grauen Geistern hinterher, vergeblich, die Trappelgeister pfiffen wie auf einem Fußballfeld und feixten.

So einen Spaß hatten sie sich nicht erträumt. Holzkatze hatte ja nie auf ihr Locken reagiert, aber jetzt feierten sie Karneval.

Holzkatze wurde ganz mulmig, als sie  sich das Spektakel durch den leicht geöffneten Bühnenvorhang ansah. Sie ahnte nichts Gutes und sprang ebenfalls in den Saal, aufgeregt hinter Goldkatze hinterher, schlug mit den Pfoten, um Goldkatze zu packen.

Wild fieberte Goldkatze hinter den Mäusen her, die geschickt vor ihr hertanzten, und, immer wenn Goldkatze ihre Pfoten durch die Luft wirbelte, waren die Mäuse schon beiseite gesprungen und die Tasten klirrten und schepperten, was das Zeugs hielt.

Immer wenn Goldkatzes Krallen den Mäusen gefährlich nahe kamen, waren die Mäuse schon beiseite gesprungen und die Tasten klirrten und klimperten und schepperten, dazu erklang der Mäusechor mit "Hihihihi und hahahaha" und „hahaha“ und „hihihi“.


Holzkatze hatte ihre liebe Not mit der wildgewordenen Goldkatze. Schließlich packte sie Goldkatze im Nacken und zerrte sie zur Bühne, während Goldkatze immer noch mit ihren Pfoten durch die Luft ruderte, keuchte, jappte und nach Luft schnappte. Sie war wie von Sinnen!

Plötzlich dröhnte es im Saal. Einmal, zweimal, dreimal, viermal, fünfmal bommerte es so laut, dass die Mäuse vor Schreck wie aufgezogene Spielmäuse durch den Saal flitzten und in Ritzen und Fugen der Saalwände verschwanden. Die alte Standuhr hatte die Zeit geschlagen.

Mit einem festen Griff zerrte und schleppte Holzkatze Goldkatze die Treppe zur Bühne hoch. Wie ein nasser Sack ließ sich Goldkatze hinter die Requisiten ziehen. Beide plumpsten auf den Holzboden unter dem Flügel und keuchten.

Derweil tickte die alte Standuhr als sei nichts geschehen. Ihr war alles egal.

Der Holzboden im Saal knarrte. Das Knarren wanderte umher.  Es war Bader, der, vom  lauten Getöse wach geworden, hatte sich schon vor einer Weile als Gast dieser seltenen Aufführung eingefunden und hatte sich hinter der breiten Saaltür mit seinen vom Schlaf aufgequollenen Augen  das Treiben verfolgt.

Bader schritt mit grimmiger Miene durch den Raum. Mit einer Taschenlampe leuchtete er jede Ecke  und jeden Winkel des Saals ab.

Die Klaviere und Flügel waren total ramponiert, das schöne Holz zerkratzt, ein Klavierdeckel lag in zwei Teilen auf dem Boden. Bader stolperte über herausgerissene Klaviertasten. Alles war hin.

Der Alte blieb in der Mitte des Saales stehen. Seine Miene war finster. Bis auf die Standuhr war alles zerstört. Monatelang hatte er gebraucht, die Instrumente zu reparieren und zu restaurieren, aber das, was er jetzt sah, machte ihn bitter.

  Mit bösem Blick hob er seine Faust und drohte in den Saal. Dann machte Bader kehrt, verließ den Saal und schlurfte ins Dachgeschoss.

Freitag, 29. April 2011

16. Holzkatze und Goldkatze

 









Holzkatze kannte ihren Weg zum „Gefährlichen Hai“ genau.

Sie zwängte sich zwischen alten, fast zerfallenen Schuppen durch und lief dann am Rand einer breiten Straße entlang.  Hier rollten auch nachts schwere Laster.


Dort, wo die Straße sich teilte, bog Holzkatze ab, lief über ein Eisenbahngelände, kletterte über rutschige Schienen,





überquerte dann einen Hof, auf dem rostige Tonnen abgestellt waren, schlüpfte durch das Loch eines Drahtzaunes, überquerte eine dunkle, enge Gasse und lief  bis zum einem Lattenzaun und hangelte sich daran hoch.

Mit einem kühnen Sprung landete sie auf einer schmiedeeisernen Bank.

Hier befand sie sich schon in Baders Innenhof. Schnell huschte sie über den gepflasterten Hof bis zur Außenmauer des alten Saales, stemmte sich gegen einen Kasten und schob ihn beiseite.

Im Sockel der Wand war zwecks Lüftung ein Loch mit einem Gitter eingelassen, das aber nicht mehr befestigt war, nun diente dieses Loch Holzkatze als Katzenklappe. Holzkatze schlüpfte hindurch.

Als Holzkatze gerade das Gitter wieder in das Loch drücken wollte, sagte ein Stimmchen „“Lass mich hinein!“ Holzkatze erschrak. Dass ihr jemand gefolgt war, hatte sie gar nicht bemerkt. Sie blickte durch die Öffnung und entdeckte zwei große Augen, die sie flehend anblickten. „Darf ich?“

Schon wieder Goldkatze! Oh, nein!

„Psst“, mahnte Holzkatze ärgerlich und ließ Goldkatze gewähren, die sich nach ihr  in den Saal zwängte.

„Ey,  du hast es ja cool hier!“ staunte Goldkatze nicht schlecht, dabei schlug sie  mit voller Wucht die Tasten eines Klavieres an. Wir haben auch so ein Ding bei uns zu Hause.

Jeden Tag spielte Janine daran.  „Sei doch leise!“, warnte Holzkatze. „Wieso?“ grinste Goldkatze und entdeckte den großen Spiegel, dabei stellte sie sich auf ihre Hinterbeine, warf ihren Kopf zurück und drehte genießerisch eine  Pirouette. Im nächsten Moment haute sie wieder auf die Tasten.

„Du kannst mir doch nicht einfach folgen und dann so einen Krach machen!“ schimpfte Holzkatze, „ich bin hier nicht alleine. Bader schläft unterm Dach. Wo kommst du eigentlich her, warum gehst du nicht dahin, wo du hergekommen bist. Was willst du hier?“

„Ich? Ich kann sogar tanzen!“ bemerkte Goldkatze ein wenig frech und übte vorm Spiegel ein paar weitere Schritte, aber dann merkte sie, dass sie mit ihrem Benehmen übertrieben hatte, denn Holzkatze starrte sie böse an. 

„Ich bin fortgelaufen“ gab Goldkatze jetzt zu.

In der Nacht zuvor lag sie noch in ihrem gepolsterten Katzenkörbchen in der Nähe eines warmen Heizkörpers im gemütlichen Wohnzimmer. Sie war einfach durch die Haustür geschlüpft, als ihre Herrin die Briefe des Postboten entgegennahm. Die Rufe der Frau klangen ihr jetzt noch in ihren Ohren.

Aber sie hatte gar nicht daran gedacht, umzukehren. Nicht einmal umgeblickt hatte sie sich.

Erst lief sie quer durchs Villenviertel, in dem sie wohnte, dann kam sie durch Straßen, wo viele Autos fuhren und viele Menschen auf den Fußwegen liefen. Die Häuser wurden immer größer und höher. Auch roch die Luft nicht mehr so gut wie bei ihr Zuhause. Sie war ja ein richtige kleine Stubenkatze. Aber nicht irgendeine!

Medaillen und Pokale hatte sie für ihre Schönheit gewonnen, alle Preise dekorierten den Kaminsims. Bei gutem Wetter führte man sie an einer Leine spazieren. Auch im großen Garten wurde sie an einer Leine gehalten. Ihre Besitzer hatten immer Angst, diese kostbare Katze könnte weglaufen oder gestohlen werden. Goldkatze hat das nie verstanden.

Holzkatze hörte gespannt zu. „Waren deine Leute zu dir nett?“ „Nett? Natürlich, nett waren sie, immer sehr nett! Ich bekam alles, was gut und teuer ist, nur das Feinste und Beste, bestes Futter, beste Pflege, sie badeten mich täglich, föhnten und kämmten mein Fell jeden Tag, schnitten mir die Krallen“.   

Die Standuhr im Saal schlug.

„Aber nun bin ich ja fortgelaufen“ stellte Goldkatze fest. Ein wenig schauderte sie bei diesem Gedanken, sie war von Zuhause weit fort und sie würde den Weg sicherlich nicht zurückfinden. Dessen war sie sich sicher. Daher hatte sie sich auch an die Fersen Holzkatzes geheftet, als diese in der Nacht davonlief.

Holzkatze bekam ein wenig Mitleid mit diesem ziemlich naiven, aber auch eitlen Geschöpf und sie bot ihr einen Schlafplatz im Gehäuse des Flügels an, was Goldkatze dankend annahm.

Holzkatze lief in den hinteren Teil des Saales, über eine seitliche Treppe hinauf, schlüpfte unter dem schweren Vorhang durch auf die Bühne. Sie sprang durch die alten Requisiten zum morschen Flügel, gefolgt von Goldkatze.

Holzkatze rekelte sich und schlief im Nu.

Goldkatze jedoch fand den Holzboden im Flügel überhaupt nicht bequem.